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Profil:Suzy Menkes

(Foto: Keith Mayhew/imago images)

Legendäre britische Modekritikerin mit neuen Plänen.

Von Tanja Rest

Sie war zuletzt nicht mehr ganz die Alte. Also, natürlich durfte sie nach wie vor an keinem großen Laufsteg fehlen, natürlich saß sie in Reihe eins, das spärlicher werdende Haar immer noch zur Pompadour-Tolle eingerollt und das Handy im Anschlag, mit dem sie aus einer endlosen Kollektion exakt die drei, vier Looks herausfiletierte, auf die es am Ende ankam. Nach der Show wurde sie in der Backstage-Schlange geradezu liebevoll von Leuten durchgeschoben, die eigentlich selbst nach vorne drängten. "Da ist Suzy, lasst Suzy durch!" Auf den Gesichtern der Designer, die in einer brüllenden Menschentraube um ihr Leben kämpften, machte sich Erleichterung breit, wenn sie eintraf.

Ihre Texte aber hatten in den vergangenen Jahren ein wenig von ihrem Punch verloren. Sie waren nicht mehr so ausführlich und, der Ehrlichkeit halber, auch nicht mehr immer so wichtig wie früher. Es schien, als würde ihr zwar nicht die Mode selbst, aber das Gewese um sie herum zunehmend auf die Nerven gehen. Einen "Zirkus": So hat Suzy Menkes den Auftrieb der Blogger, Influencer und eitlen Selbstdarsteller bei den Fashion Weeks legendärerweise genannt. Nun hört sie - beinahe - auf. Nach 25 Jahren bei der International Herald Tribune und sechs Jahren bei Vogue hat Menkes am Mittwoch bekannt gegeben, dass der Schauenmonat September (wie auch immer er ablaufen mag) ihr letzter in offizieller Mission sein wird. Das Bedauern beim Verlag Condé- Nast und in der gesamten Branche könnte nicht größer sein.

Die 76-jährige Britin war und ist die bedeutendste Modekritikerin der Welt. Kein Haus, das es sich leisten konnte, sie nicht an seinen Laufsteg zu bitten - um das Defilee erst dann zu starten, wenn sie auch wirklich auf ihrem Platz saß. Der Luxuskonzern LVMH, der sie 2001 nach einer ungünstigen Kritik einmal von allen seinen Schauen auslud, musste eine Saison später klein beigeben: Eine ungünstige Kritik war gewiss misslich. Wenn Suzy aber überhaupt nicht schrieb, so kam dies einem Todesurteil gleich.

Als Kritikerin bei der Trib, wo sie 1988 anfing, gebrauchte Menkes das Florett lieber als das Schwert: Sachlichkeit statt Häme, konstruktive Vorschläge statt Vernichtung, und selbstverständlich verlor sie auch niemals aus den Augen, dass Frauen in all den extravaganten Kleidern am Ende laufen, atmen, arbeiten können mussten. Ihr Urteilsspruch war gefürchtet, aber weithin respektiert, weil er auf Wissen gründete und unkäuflich blieb. Sie war und ist deshalb eine Journalistin im besten, altmodischsten Sinne des Wortes.

Ihr Abschied bei Condé-Nast bedeutet nun auch das Ende der jährlichen Luxuskonferenz - genau so, wie ihr Abschied bei der Herald Tribune vor sechs Jahren das dortige Format beendet hat. Wenn Suzy rief, setzten sich LVMH-Chef Bernard Arnault, Naomi Campbell, der Designer Nicolas Ghesquière und die überaus scheue Donatella Versace selbstverständlich zu ihr aufs Podium. Aber ohne sie? Undenkbar. Ihr Abgang fällt in eine ohnehin schwierige Zeit für Condé-Nast: Das amerikanische Flaggschiff Vogue gibt kein allzu gutes Bild ab in der Rassismus-Debatte, dazu hat man durch die Corona-Krise mit einbrechenden Anzeigenerlösen zu kämpfen. "Die aktuelle Situation hat mir - und uns allen - Zeit zum Nachdenken gegeben. Es ist Zeit für ein neues Abenteuer", teilte Menkes mit. Denn natürlich hört eine wie sie nie völlig auf. Sie wolle, ließ sie wissen, auch in Zukunft schreiben, posten, die Branche zusammenbringen, von nun an auf ihrer eigenen Webseite und auf Instagram, wo ihr 500 000 Menschen folgen.

Menkes' Ehemann, der Journalist Daniel Spanier, der sie zum Judentum brachte, ist vor Langem gestorben; sie hat drei Söhne, sechs Enkel. Wenn sie nun nicht mehr von Chanel zu Miu Miu zu Louis Vuitton hetzen muss, auf der Rückbank einer Limousine ihren präzisen Richterspruch in den Laptop hackend, so sei ihr das von Herzen gegönnt.

© SZ vom 03.07.2020

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