Profil:Suhail al-Hassan

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Assads wichtigster General, der sich auf eine Schlacht um das syrische Idlib vorbereitet.

Von Moritz Baumstieger

Bevor der "Tiger" zum Sprung ansetzt, folgt er festen Ritualen. Wenn Bilder im Netz erscheinen, die Suhail al-Hassan in der Nähe eines Hubschraubers zeigen, weiß man in Syrien, dass bald eine Schlacht beginnt. Wenige Tage später ist der Brigadegeneral mit dem Nom de Guerre "al-Nimr" (arabisch für Tiger) dann an der Front zu sehen, umringt von seinen Kämpfern. Dort trägt er gerne selbst geschriebene Gedichte vor, um die Moral der eigenen Truppe zu heben und die des Feindes zu erschüttern, der über Lautsprecher mithören darf.

Teil eins dieser Inszenierung erfolgte am Dienstag. Al-Hassan bestieg bei Aleppo einen Hubschrauber, für nur eine kurze Strecke: Die Offensive, die seine Qawat al-Nimr - die Tiger-Kräfte - gerade vorbereiten, wird sich gegen die benachbarte Region Idlib richten. Die letzte verbliebene Rebellenhochburg, in der nach Schätzungen der UN 2,5 Millionen Zivilisten und 70 000 zumeist islamistische Kämpfer umstellt sind.

Sätze wie "Ihr werdet die Flammen der Hölle sehen. Und wenn ihr deshalb um Hilfe schreit, werdet ihr nur Wasser bekommen, so heiß wie flüssiges Metall", hat al-Hassan bisher aber nicht gesprochen; das Fanal für den Beginn der Schlacht wird jeden Moment erwartet. Und auch, wenn diese Verse von ihm reichlich geschmacklos sind: Übertreibung kann man dem vielleicht wichtigsten General von Präsident Baschar al-Assad nicht vorwerfen, wenn er den Menschen in aufständischen Gebieten die Hölle auf Erden ankündigt.

Suhail al-Hassan hat jene Kriegstaktik perfektioniert, mit der und dank russischer Hilfe aus der Luft das Regime Gebiet um Gebiet wiedererobern konnte. Ost-Aleppo, Palmyra, das vom IS gehaltene Gasfeld Schaar und die von ihm belagerte Stadt Deir al-Sour, in diesem Jahr Ost-Ghouta und schließlich Daraa im Süden: Erst werden die Gebiete der Gegner mit heftigen Luftangriffen zu Schutt gebombt, dann rücken al-Hassans Tiger-Kräfte vor und spalten von dem Gebiet kleinere Teile ab. Die Eingekesselten geben dann meist bald auf.

Der General, dessen Alter meist mit 48 Jahren angegeben wird, scheint zu spüren, an welcher Stelle der Gegner am schwächsten ist. "Er zerschneidet die Gebiete der Terroristen, wie Moses einst das Wasser teilte", schwärmt ein Anhänger - Fans wie diesen hat al-Hassan viele. Der "Tiger" ist der populärste Soldat im Dienste des "Löwen", wie sich Assad aus dem Arabischen übersetzt. In regimetreuen Gebieten tragen manche sein Porträt mit dem akkurat getrimmten Dreitagebart und dem tief in die Stirn gezogenen Soldatenkäppi gar als Tattoo.

Sein Aufstieg war al-Hassan möglich, weil er Rettung versprach, als das Assad-Regime zu fallen drohte. Als Offizier beim Geheimdienst der Luftwaffe hatte er mit seinen Leuten sichergestellt, dass Rekruten den Schießbefehl auf Demonstranten befolgten. Später soll er Folterungen geleitet und zur Niederschlagung kleinerer Aufstände Massaker befohlen haben; Menschenrechtler werfen ihm Kriegsverbrechen vor. Als im Jahr 2013 Berichte seiner kriegerischen Effizienz Damaskus erreichen, wird aus al-Hassan der "Tiger": Er erhält den Auftrag, eine tausend Mann starke Eliteeinheit aufzubauen, die zwei Jahre später zum bevorzugten Partner der russischen Armee wird.

Al-Hassan ist in Jableh geboren, einem Dorf nahe bei Assads Heimatort. Wie der Diktator gehört er der alawitischen Minderheit an, die im Land bestimmend ist. Auf der anderen Seite der Küstenstraße, an der Jableh liegt, befindet sich der größte Stützpunkt der russischen Armee. Hier wird al-Hassan nach einem Sieg in Idlib wohl gefeiert werden. Zwei Orden hat er dort bereits empfangen und viele warme Worte, im Dezember 2017 sogar von Wladimir Putin. Beobachter leiteten daraus ab, dass Russlands Präsident auf den Tiger setzen will, falls er den Löwen für eine politische Neuordnung Syriens fallen lassen muss.

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