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Profil:Rula Jebreal

(Foto: Imago Images)

Streitbare Autorin, die konservative Italiener empört.

Von Elisa Britzelmeier

In Italien steht in dieser Woche wieder das Festival von Sanremo an, ein Schlagerwettbewerb, der an fünf aufeinanderfolgenden Abenden bei überragenden Quoten im Fernsehen übertragen wird. Er verspricht Musik, Spektakel und Glamour - und diesmal einen mit besonderer Spannung erwarteten Auftritt. Neben den Sängerinnen und Sängern wird gleich am ersten Abend auch Rula Jebreal zu sehen sein. Jebreal ist Italienerin mit palästinensischen Wurzeln, Journalistin, Romanautorin, Nahost-Expertin und Politikberaterin. Ob sie in Sanremo überhaupt auf der Bühne stehen soll, darüber hat es in Italien vorab wilde Debatten gegeben.

Kurz nach ihrer Einladung empörten sich konservative Politiker und Journalisten öffentlich. Zu politisch, zu kritisch, zu links sei sie als Gast. Und offenbar machte man sich auch hinter den Kulissen der Rai, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Sorgen. Sie sei gebeten worden, von ihrem geplanten Auftritt freiwillig Abstand zu nehmen, sagte Jebreal der Zeitung La Repubblica im Januar - und äußerte dabei auch die Vermutung, dass dies auf Druck aus dem Umfeld Matteo Salvinis passiert sei. Jebreal hatte den Chef der rechten Lega-Partei wiederholt kritisiert. Unter anderem schrieb sie in einem Meinungsstück für den britischen Guardian, Italien werde "in die Arme von Faschisten getrieben". Die Aufforderung zur Selbstausladung machte Jebreal öffentlich, sie sprach von Zensur. Andere Politiker sprangen Jebreal bei; italienische Medien berichteten von weiteren Diskussionen innerhalb der Rai. Mit dem Ergebnis, dass Jebreal nun doch in Sanremo auf der Bühne stehen wird. Ob dieser Auftritt wirklich unpolitisch wird, wie manche nun hoffen mögen, ist fraglich: Sie soll unter anderem einen Vortrag zum Thema "Gewalt gegen Frauen" halten.

Das Unpolitische liegt ihr auch nicht. Jebreal wurde 1973 in Haifa geboren, mit 19 Jahren kam sie nach Italien, wo sie studierte und eine journalistische Karriere begann - als erste ausländische Frau im italienischen Fernsehen. Sie spricht neben Italienisch auch Englisch, Arabisch und Hebräisch, war bei CNN und MSNBC zu sehen und arbeitet derzeit an der University of Miami. Es ist nicht das erste Mal, dass Jebreal Aufregung auslöst. 2014 hatte sie im US-Fernsehen die amerikanischen Medien kritisiert: Diese berichteten zu sehr aus der Sicht Israels und seien antipalästinensisch. Wiederholt geriet sie im italienischen Fernsehen mit konservativen Politikerinnen und Politikern aneinander, 2006 wurde sie von einem Minister rassistisch beleidigt.

Wo jemand hingehört und wo jemand seinen Platz findet, ist immer wieder ihr Thema. 2007 veröffentlichte sie ein Buch, das auf Interviews mit Immigranten in Italien beruht. Ihr in Teilen autobiografischer Roman "Miral" erzählt die Geschichte dreier palästinensischer Frauen und wurde 2010 von Julian Schnabel verfilmt. Die Hauptrolle spielt Freida Pinto: ein palästinensisch-israelisches Mädchen, das die Dar-al-Tifl-Schule für Waisenkinder in Jerusalem besucht. Wie einst Jebreal selbst. Sie wächst bei Hind al-Husseini auf, einer Pionierin der jüdisch-palästinensischen Friedensbewegung und Gründerin der Schule. Der Film bekam positive Kritiken, wurde aber auch kritisiert - als antiisraelisch.

Sie stehe für das tolerante, offene, inklusive Italien, hat Rula Jebreal in der Auseinandersetzung um Sanremo gesagt - und das mache vielen Angst. Ihre Diversität mache Angst. Dass sie als nicht weiße Frau für manche eine Provokation ist, hat sie auch in der Vergangenheit live im Fernsehen gesagt. Vor ihrem Sanremo-Auftritt versuchen nun Reporter, mehr aus ihr herauszubekommen, halten ihr Mikrofone unter die Nase mit der Frage, was man zu erwarten habe. Ob sie die Anfeindungen weiter thematisieren werde. Jebreal geht nicht darauf ein. Man solle sich einfach ihre Arbeit ansehen, sagt sie - und zulassen, dass sie das Publikum überrasche.

© SZ vom 04.02.2020

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