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Profil:Petra Costa

(Foto: Valerie Macon/AFP)

Bolsonaros Feindin mit Chancen auf einen Oscar.

Es ist paradox. Jahrzehntelang haben brasilianische Regierungen die Filmindustrie des Landes gefördert, mit Gesetzen, mit Geld und auch mit Erfolg, national wie international. Es gab Preise und Lob, nur einen Oscar holte das Land nie - was sich nun vielleicht ändert. Denn wenn an diesem Sonntag in Los Angeles zum 92. Mal die Academy Awards verliehen werden, könnte eine junge brasilianische Regisseurin eine der goldenen Statuetten gewinnen. Petra Costa ist mit ihrem Dokumentarfilm "Am Rande der Demokratie" nominiert, als einzige Brasilianerin und mit guten Chancen. Das ist ein großer Erfolg, eine große Ehre, gleichzeitig aber auch ein großes Ärgernis für die rechtsextreme Regierung von Jair Bolsonaro.

In den vergangenen Tagen und Wochen haben die Bolsonaro-Regierung und ihre Anhänger eine beispiellose Schmutzkampagne gegen Costa und deren Film betrieben. Im Netz wurde Costas Kopf auf Pinocchio-Figuren montiert und die Regisseurin als Lügnerin beschimpft. Das offizielle Kommunikationsbüro des Präsidenten nennt sie auf Twitter eine "antibrasilianische Aktivistin" und veröffentlichte ein Video, das sie der Verbreitung von Fake News bezichtigt. Bolsonaros Sohn Eduardo äußerte sich noch drastischer: Er beschimpfte Costa als canalha, Drecksau.

Die Regisseurin selbst schweigt bisher zu alldem. 36 Jahre alt ist Costa, fast genauso alt wie die brasilianische Demokratie, wie sie zu Beginn ihres Filmes sagt. Während der letzten Militärdiktatur waren Costas Eltern im Widerstand, ihr Vorname, Petra, soll eine Hommage an Pedro Pomar sein, den Gründer der Kommunistischen Partei Brasiliens. Costa wuchs in São Paulo auf, entdeckte ihre Leidenschaft für das Theater, studierte in Brasilien, London und New York. Danach machte sie Filme. 2012 kam ihr erster Dokumentarfilm in die Kinos, in dem sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester begab. Elena wurde ein Überraschungserfolg, Costa drehte einen weiteren Dokumentarfilm über ein schwangeres Schauspielerpaar und dann, als 2016 riesige Proteste in ihrer Heimat ausbrachen, begann Costa, diese mit der Kamera zu begleiten. So entstand "Am Rande der Demokratie".

Der Film beschreibt, wie aus Brasilien, dem einstmals politischen und wirtschaftlichen Hoffnungsträger Südamerikas, ein tief zerrüttetes Land geworden ist, regiert von einem rechten Waffennarren und gebeutelt von politischen Skandalen. Costa zeigt den Aufstieg der linken Arbeiterpartei Anfang der Nullerjahre, gefolgt von deren Entmachtung und dem Erstarken der radikalen Kräfte, die letztlich Jair Bolsonaro ins Amt spülten. Costa filtert dies alles durch ihre eigene Geschichte und Sichtweise. Das Amtsenthebungsverfahren gegen die letzte linke Präsidentin Dilma Rousseff stellt sie als institutionellen Staatsstreich dar. So gesehen ist der Film tendenziös. Petra Costa verschweigt aber auch nicht die Korruption in der Arbeiterpartei, und auch andere Stimmen kommen zu Wort, darunter Jair Bolsonaro, damals noch ein unbedeutender Abgeordneter mit einem Büro kaum größer als eine Besenkammer, aber dem brennenden Wunsch, Präsident zu werden.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Bolsonaro nun im Amt. Darunter leiden nicht nur der Amazonas und Minderheiten, sondern auch die Filmbranche. Der Chef der staatlichen Förderanstalt wurde abgesetzt, Bolsonaro fordert einen "ideologischen Filter" für die Vergabe von Geldern. Einziger Ausweg für viele Produktionen sind internationale Streamingdienste wie das Portal Netflix, auf dem auch Petra Costas Film zu sehen ist.

Immerhin hat das Costas Werk ein breites Publikum beschert, weltweit und auch zu Hause in Brasilien. Dort fand "Am Rande der Demokratie" ein geteiltes Echo, es gab viel Lob, aber auch viel Kritik, unter anderem von Jair Bolsonaro selbst. Der Film sei Schrott, erklärte der brasilianische Präsident öffentlich. Allerdings fügte Bolsonaro hinzu, er selbst habe ihn gar nicht gesehen.

© SZ vom 08.02.2020
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