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Profil:Panusaya Sithijirawattanakul

Studentenführerin, die Thailand verändern will.

Von Tobias Matern

(Foto: Lillian Suwanrumpha/AFP)

Für Jugendliche in Thailand gibt es eine Regel, die sich in zwei Wörtern zusammenfassen lässt: Widersprich nicht. Weder in der Schule, noch den Eltern, noch anderen Autoritäten, vor allem nicht, wenn sie älter sind als du. In der Schule werden die Haarlängen nachgemessen, Abweichungen von der Norm getadelt. Es herrscht Uniformzwang. In den Familien gilt das Senioritätsprinzip. Und im politischen Betrieb hat das Militär das Sagen, das sich inzwischen auch eine Partei hält und Wahlen abhalten lässt. Aber vorher stellen die Generäle sicher, dass das Ergebnis ausfällt, wie sie es wollen.

Panusaya Sithijirawattanakul will diese Verhältnisse nicht länger akzeptieren. Wie Zehntausende Studentinnen und Studenten, deren Wortführerin die 22-Jährige ist, will sie mehr Mitspracherecht, sie will eine neue Regierung in einer echten Demokratie, sie will die Monarchie nicht abschaffen, aber reformieren. Und die Studenten fordern auch, dass die Korruption nicht länger Verhältnisse zementiert, in denen sich eine Elite die Taschen vollstopft, Absolventinnen wie Panusaya Sithijirawattanakul nach der Universität aber Gehälter verdienen, die ihnen kein unabhängiges Leben ermöglichen.

Der Unmut der Studentenbewegung wird von dem Umstand befeuert, dass die demokratischen Bewegungen in den vergangenen Jahren in Thailand immer wieder ausgebootet worden sind, dass sich das Militär an die Macht geputscht hat, und dass Anfang dieses Jahres eine bei jungen Wählern beliebte Partei aufgelöst worden ist. Thailänder sind es eigentlich gewohnt, sich solchen Umständen zu fügen und politische Entwicklungen hinzunehmen. Doch dieses eherne gesellschaftliche Gesetz droht nun ins Wanken zu geraten. Verantwortlich dafür sind Studentinnen und Studenten wie Panusaya Sithijirawattanakul, die seit Monaten auf die Straße gehen, die - vor allem das war in Thailand lange unvorstellbar - das Königshaus massiv infrage stellen. Und die sich damit der Gefahr drakonischer Strafen aussetzen: Auf Majestätsbeleidigung stehen nach wie vor Gefängnisstrafen von bis zu 15 Jahren. Aber die Tatsache, dass König Maha Vajiralongkorn sich auch in Zeiten der Corona-Pandemie wenig in der thailändischen Öffentlichkeit sehen lässt, hat den Unmut über die Monarchie verstärkt.

An diesem Wochenende erwarten die Veranstalter der renommierten Thammasat-Universität, an der auch Panusaya Sithijirawattanakul studiert, in Bangkok bis zu 100 000 Studierende zu einem von der Hochschulleitung nicht genehmigten Protest. Panusaya Sithijirawattanakul hat vor einigen Wochen bei so einer Kundgebung auf offener Bühne ein kühnes Manifest verlesen. Die Monarchie solle Rechenschaft vor den gewählten Institutionen des Landes ablegen, das Budget des Königshauses gestutzt werden. All dies waren für Thailänder bisher undenkbare Forderungen. Und Panusaya Sithijirawattanakul fasste sie in einer Botschaft zusammen: Niemand werde mit blauem Blut geboren, "alle menschlichen Wesen haben rotes Blut, wir sind nicht unterschiedlich". Wie ernst das Establishment solche Sätze nimmt, zeigt die Reaktion eines Generals: Die Studentenbewegung sei gefährlicher als die Pandemie, Hass auf das eigene Land eine unheilbare Krankheit, sagte er.

Panusaya Sithijirawattanakul und ihre Mitstreiter lassen sich von derlei Drohungen erst einmal nicht aufhalten. Sie hat der BBC erzählt, schon ihr Vater habe sie ermuntert, Dinge infrage zu stellen. Ihre Scheu, sich frei zu äußern, habe sie dann nach einem fünfmonatigen Austauschaufenthalt in den USA abgelegt. Und so hat sie auf ihrer Facebook-Seite, offen und für jeden lesbar, an diesem Freitag eine Botschaft, die von der Demonstration am Samstag ausgehen soll: "19. September, ich fordere die Macht zurück." Die Staatsmacht reagiert auf ihre Weise, sie hat vor Wochen Haftbefehle gegen einige Anführerinnen und Anführer der Protestbewegung erlassen, darunter auch: Panusaya Sithijirawattanakul.

© SZ vom 19.09.2020

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