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Profil:Nabil Karoui

(Foto: Khaled Nasraoui/dpa)

Ex-Häftling und Bewerber für das Präsidentenamt in Tunis.

Eine Nacht und zwei Tage. Nicht viel Zeit für eine Kampagne, die einen ins höchste Amt im Staate tragen soll. Mehr Zeit hatte der Tunesier Nabil Karoui aber nicht, am Mittwoch erst wurde er aus dem Gefängnis Mornaguia entlassen, zwanzig Kilometer südwestlich von Tunis. Das Ziel, das der 56-Jährige nun erreichen will, liegt fast genauso weit in der Gegenrichtung, nordöstlich der Hauptstadt: der Präsidentenpalast von Karthago. Laut Gesetz durften die beiden Kandidaten für die Stichwahl jedoch nur bis Freitag Wahlkampf machen, um 23.59 Uhr war Schluss.

An diesem Sonntag endet ein Wahlmarathon in Tunesien, wo 2011 der sogenannte Arabische Frühling anbrach. Zum dritten Mal binnen vier Wochen sind die Bürger an die Urnen gerufen, um nach der ersten Runde des Präsidentschaftsrennens und der Parlamentswahl zu bestimmen, wer dem verstorbenen Staatsoberhaupt Beji Caid Essebsi nachfolgen soll. Karoui verbrachte diese Zeit in einer Zelle. Am 23. August war er verhaftet worden, eine Anti-Terror-Einheit stoppte vor laufenden Kameras spektakulär seinen Wagen.

Dabei ist es normalerweise Karoui, der die Macht der Bilder geschickt einzusetzen weiß. Sei 1996 gründete er mit seinem Bruder mehrere Medienfirmen und Werbeagenturen, 2009 übernahm er den Privatsender NessmaTV, in dem er selbst auftritt. Seit dem Unfalltod seines Sohnes Khalil 2016 gibt sich Karoui als Wohltäter, der sich nurmehr um die Armen kümmert. In herzzerreißenden Sendungen schwebt er bei jenen ein, die sonst von allen gemieden werden. Küsst Witwen auf die Stirn, umarmt Versehrte, streichelt Kindern den Kopf - und spendet Lebensmittel, Medikamente oder Elektrogeräte.

Weil Karoui vor der Kamera gerne Pakete mit Nudeln überreicht, nennen ihn viele Tunesier verächtlich "Makkaroni" - mit seinen gegelten grauen Haaren und seinen schwarzen Anzügen könnte er aber auch unter diesem Namen in jedem Mafiafilm eingesetzt werden. Anti-Korruptions-Wächter und die tunesische Justiz jedenfalls sind überzeugt, dass Karoui bei der Anhäufung seines Vermögens unlautere Praktiken angewendet hat. Der lokale Ableger von Transparency International veröffentlichte bereits 2016 einen Bericht, der Geldwäsche und massiven Steuerbetrug durch Karoui belegt.

Dass diese Vorwürfe keinen interessierten, bis Karoui politische Ambitionen entwickelte, betonen hingegen die 15,6 Prozent der Tunesier, die ihn in der ersten Abstimmungsrunde auf den zweiten Platz wählten. Für sie ist ausgemacht, dass Karoui kaltgestellt werden sollte, weil er dem politischen Establishment gefährlich wurde. Als Außenseiter gibt sich der Mann gerne, den seine Frau während seiner Haft auf den Wahlkampfbühnen "Nelson Mandela Nordafrikas" nannte. Dabei gehörte Karoui zu den Mitbegründern der Partei des verstorbenen Präsidenten und betreute sie mit seiner Werbeagentur. Bei den Wahlen in diesem Jahr stürzte die Nidaa Tounes ab, verlor 83 ihrer 86 Sitze. Karouis Bewegung "Herz Tunesiens" dagegen wurde zweitstärkste Kraft hinter der moderat islamistischen Ennahda - gerade mal drei Monate nach ihrer Gründung.

Am Sonntag nun tritt Karoui gegen Kaïs Saïed an, einen spröden Rechtsprofessor, der sich ebenfalls als Anti-Politiker gibt. Als Karouis Gesuch auf Haftentlassung noch nicht stattgegeben war, hatte Saïed seine Kampagne ausgesetzt, um Chancengleichheit zu wahren. Ob Karoui selbst so fair gehandelt hätte, darf man bezweifeln. Ein nun aufgetauchter Vertrag belegt, dass ein aus Israel stammender Lobbyist Treffen mit den Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin für Karoui hätte einfädeln sollen, für ein Salär von einer Million Dollar, was gegen die Regeln zur Wahlkampffinanzierung verstößt. Ob das die letzte Volte im Kampf um die Präsidentschaft war, ist noch nicht ausgemacht: Sollte er verlieren, will Karoui die Abstimmung anfechten. Eine Nacht und zwei Tage Wahlkampf - das sei zu wenig.