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Profil:Michael Jaffé

Insolvenzverwalter mit großer Aufgabe bei Wirecard.

(Foto: imago)

Michael Jaffé, 57, gehört längst zu den Großen in der deutschen Wirtschaft, er kann es an Bedeutung leicht mit Konzernchefs aufnehmen. Auf deren Prominenz aber kann er gut verzichten, er bleibt lieber im Hintergrund. Vor Jahren, an einem Abend im Restaurant beim Urlaub im Süden, wurde am Nebentisch eifrig über ihn und seinen damaligen größten Fall debattiert. Die anderen Urlauber erkannten Jaffé nicht, und er gab sich auch nicht zu erkennen. Sondern hörte lieber schmunzelnd zu, was da alles über ihn und seine Arbeit erzählt und spekuliert wurde.

Jaffé ist Rechtsanwalt von Beruf und seit zweieinhalb Jahrzehnten vor allem als Insolvenzverwalter tätig. Der Jurist ist Spezialist für Pleiten, und dabei manchmal auch Kriminalist. Sein erster spektakulärer Fall war der Niedergang der Kirch-Gruppe, Deutschlands damals größtem Medienimperium. Später hat er nach Containern gesucht, die es nie gegeben hat. Und anschließend herausgefunden, dass windige Firmen namens P&R Zehntausende Anleger um einen Milliardenbetrag gebracht haben. Von 1,6 Millionen offiziell angegebenen Behältnissen fand Jaffé ganze 618 000. Jetzt soll sich der Münchner Anwalt mit seiner Kanzlei um Deutschlands größten Bilanzskandal kümmern: um die Wirecard AG. Auch da dürfte sein kriminalistischer Spürsinn gefordert sein.

Das Amtsgericht München hat Jaffé als Sachverständigen beauftragt, ein Gutachten über den vergangenen Donnerstag gestellten Insolvenzantrag des Dax-Konzerns zu verfassen. Damit hat der Anwalt beste Chancen, zum vorläufigen und später auch endgültigen Insolvenzverwalter für den in Aschheim bei München ansässigen Zahlungsdienstleister ernannt zu werden. Als solcher wäre er nicht im juristischen Sinne, aber faktisch wieder einmal Konzernchef. Ohne beziehungsweise gegen ihn geht bei solchen Pleiten gar nichts mehr. Ob das nun für Kirch oder P&R galt, für die Bergland Naturkäse GmbH, für eine Formel-1-Gesellschaft oder die Stadtwerke Gera - normal wäre da längst ein langer Eintrag bei Wikipedia, mit Geburtsdatum und Geburtsort und vielen weiteren Details zur Person.

Nicht so bei Jaffé. Die öffentlich zugängigen Informationen über ihn sind spärlich. Auf den Internetseiten seiner Kanzlei findet sich wenig Persönliches. Studium in München und Regensburg, Englisch und Spanisch als Fremdsprachen, viel mehr wird nicht preisgegeben. Dazu Dutzende Fachvorträge, die an einer Stelle ausnahmsweise einen Hinweis auf seine Vorlieben enthalten. Jaffé hat 2010 an einem Symposium für Insolvenzverwalter mit Kunstgenuss teilgenommen. Kunstliebhaber, denkt man, aha.

Beruflich ist der Jurist eine Mischung aus Macher und Schlitzohr. Insolvenzverwalter haben neben der Befriedigung der Gläubiger ja vor allem die Aufgabe, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten -ohne unternehmerisches Geschick und Können geht das nicht. Die Kirch-Pleite haben eine Reihe von Unternehmen in alter oder neuer Form überlebt, darunter der Filmhandel mit zahlreichen Klassikern. Bei der Kirch-Gruppe war Jaffé plötzlich auch Sportrechtehändler, mit Übertragungsrechten von Fußball-Weltmeisterschaften und Bundesliga. Kurz vor der WM 2002 drohte der zwangsverwaltete Medienkonzern plötzlich mit einem schwarzen Bildschirm, um eigene Ansprüche zu sichern. Wäre das schiefgegangen, dann hätte sich der Mann den Zorn von Millionen Fußballfans zugezogen; es ging gut aus.

Von Jaffés Zuarbeit profitieren stets auch Staatsanwälte, für die er oft Tag und Nacht erreichbar ist, und denen er schon etliche wertvolle Tipps gegeben hat, etwa in der Affäre um die Formel 1 und deren damaligen Chef Bernie Ecclestone. Jetzt also Wirecard; ein neuer Wirtschaftskrimi mit dubiosen Deals und einer verschwundenen Milliardensumme, die wohl ebenso wenig existierte wie die meisten Container bei P&R.

© SZ vom 29.06.2020

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