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Profil:Madawi al-Rasheed

(Foto: Imago)

Saudi-arabische Parteigründerin im Exil.

Von Moritz Baumstieger

Als Madawi al-Rasheed Ende der 1980er-Jahre in Cambridge an ihrer Dissertation zur Geschichte Saudi-Arabiens arbeitete, bekam ihr Vater einen Anruf. Prinz Salman, damals Gouverneur der Hauptstadt, sei am Telefon gewesen, erzählte die Sozialanthropologin 2019. Salman habe ihren Vater gewarnt: Wenn die Tochter ihre Doktorarbeit veröffentliche, müsse sie sich auf "disziplinarische Maßnahmen" gefasst machen. "Natürlich habe ich meine Dissertation publiziert", fuhr die heute 57-Jährige fort, "und danach noch 14, 15 weitere Bücher". Nachdem al-Rasheed 2005 in einer Livesendung freie Wahlen gefordert hatte, rief Salman wieder an. Um auszurichten, dass der Tochter die Staatsbürgerschaft entzogen worden sei.

Jener Prinz Salman ist mittlerweile König, am vergangenen Mittwoch hielt der 84-jährige und Gerüchten zufolge an Demenz leidende Herrscher Saudi-Arabiens eine Ansprache bei der UN-Vollversammlung. Ein seltener Moment, es war erst die zweite Rede eines saudischen Monarchen vor den Vereinten Nationen. Das Datum konnte für Riad nicht besser gewählt sein: Es war saudischer Nationalfeiertag, das Königreich hat derzeit die Präsidentschaft der G 20 inne und will sich beim Gipfel im November als Land auf der Überholspur in die Moderne präsentieren.

Zwei Stunden vor Salmans Rede hatte jedoch auch Madawi al-Rasheed wieder einmal etwas veröffentlicht. Einen Artikel in einem Online-Magazin, der ihr selbst mit dem Pass ihrer neuen britischen Heimat eine Reise in die alte unmöglich machen dürfte: "Zwei Dinge waren immer tabu in Saudi-Arabien", schrieb sie, "Demokratie und politische Parteien." Nachdem sie 2005 Wahlen gefordert hatte, brach sie nun das zweite Tabu: Mit fünf anderen Saudis hat al-Rasheed eine Partei gegründet, als deren Sprecherin sie nun fungiert.

Unter den Gründungsmitgliedern sind Männer und Frauen, Sunniten und Schiiten, ein Ex-Offizier und ein Youtube-Star - alle leben im Ausland, in Großbritannien, Kanada, den USA. Al-Rasheed selbst ist schon die meiste Zeit ihres Lebens im Exil: 1962 in Paris geboren, wuchs sie in Saudi-Arabien auf. Als dort jedoch 1975 König Faisal ermordet wurde, wurden entfernte Verwandte von ihr verdächtigt, die Familie floh nach Beirut. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, ging sie zum Studium nach London, ihren Wissensdurst hatte sie aber bereits seit ihrer Zeit in Saudi-Arabien, erzählte sie einmal: Weil es dort keine Kinderbücher gab, habe sie die Bibliothek des Vaters geplündert, sobald sie lesen konnte. Dort sei alles kunterbunt durcheinandergestanden, knochenkonservative theologische Werke etwa neben den Memoiren Churchills.

Al-Rasheeds Partei hat nun den Namen "Naas" gewählt, was man wahlweise als das arabische Wort für "Volk" lesen kann oder als Kombination der jeweils ersten zwei Buchstaben von "National Assembly" - also einer nationalen Versammlung parlamentarischer Art. Eine solche soll nach Ansicht der Partei Quelle der Gesetzgebung in Saudi-Arabien werden und die Arbeit der Regierung überwachen. Dass es dorthin bestenfalls ein langer Weg ist, wissen al-Rasheed und ihre Mitstreiter, ihr Schritt ist eher ein symbolischer. Aber einer von im In- und Ausland anerkannten Persönlichkeiten, den der Königshof nicht ignorieren können wird.

Ein weiterer Anruf von Salman wird bei al-Rasheeds Familie kaum eingehen. Der tatsächliche Regent in Riad ist längst dessen Sohn Mohammad, der nach außen den Reformer gibt, der Frauen das Autofahren erlaubt und den Bürgern Kinos bringt. Dass er im Inneren jeden Ansatz von Dissens unterdrückt, erfuhr die Welt spätestens mit dem Mord an dem Publizisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018. Dass die "Fassade des normalen Lebens" nach dem "Verbrechen des Jahrhunderts" einfach aufrechterhalten wurde, kritisierte al-Rasheed schon vor einem Jahr. Nun, kurz vor dem zweiten Jahrestag des Mordes, beginnt sie damit, Risse in die Fassade zu bringen.

© SZ vom 30.09.2020
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