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Profil:Loujain al-Hathloul

(Foto: Reuters)

Die inhaftierte saudische Frauenrechtlerin soll misshandelt worden sein.

Mal schauen, was passiert, sagt Loujain al-Hathloul lächelnd und fährt Richtung saudische Grenze. Sie weiß noch nicht, dass sie gleich verhaftet wird. Dieses kurze Video machte sie 2014 international bekannt. Sie war nun die junge Frau mit der großen Sonnenbrille, die sich dem Autofahrverbot in ihrer Heimat widersetzt, indem sie einfach mal schaut, was passiert, wenn sie weiterfährt. Danach saß sie zwei Monate in Haft.

Dieses Mal sind es zehn Monate. Loujain al-Hathloul und mit ihr weitere Frauen und Männer, die sich für Frauenrechte in Saudi-Arabien einsetzen, wurden Mitte Mai vergangenen Jahres festgenommen. Das war wenige Wochen vor dem Ende des Fahrverbots für Frauen. Die damals 28-Jährige wurde an ihrem Wohnort Dubai aufgegriffen und in die Heimat geflogen. Ihre Schwester Alia al-Hathloul, die in Brüssel lebt und arbeitet, kann sich gut erinnern. "Wir dachten alle, dass sie spätestens Ende Juni wieder rauskommt. Immerhin hat sie für diesen historischen Tag hart gekämpft", sagt sie am Telefon.

Doch bis heute sitzt ihre jüngere Schwester im Gefängnis. Seit Mittwoch stehen Loujain al-Hathloul und neun weitere Aktivistinnen vor Gericht. "Die Anklagepunkte waren weder meiner Familie noch Loujain vorher bekannt", erzählt Alia al-Hathloul. Ihre Eltern nahmen an der Verhandlung teil, einen Anwalt konnten sie vorher nicht finden. Die meisten hatten Angst, so die Tochter. Die Staatsanwaltschaft wirft Loujain al-Hathloul vor, den sozialen Frieden im Königreich zu gefährden. Genannt wurde die Zusammenarbeit mit "feindseligen Menschenrechtsorganisationen". Auch ihr Engagement in den sozialen Medien, etwa für ein Ende der männlichen Vormundschaft, wird ihr vorgehalten. In Saudi-Arabien benötigen Frauen die Zustimmung eines männlichen Verwandten, um zu reisen, zu arbeiten oder auch ein Gefängnis zu verlassen. Lokale Medien zeigten damals Fotos der Aktivistinnen, versehen mit dem Stempel "Verräterin". Der Vorwurf: Sie schadeten dem Ansehen Saudi-Arabiens im Ausland.

In den ersten Monaten nach der Verhaftung wollte Alia al-Hathloul nicht an die Öffentlichkeit gehen, während ihre kleine Schwester in der Heimat im Gefängnis saß. In dieser Zeit wähnte die Welt den saudischen Kronprinzen, Mohammed bin Salman, noch als Reformer, ja, vielleicht sogar als Kämpfer für Frauenrechte. Nach dem Mord am regimekritischen saudischen Publizisten Jamal Khashoggi, in den laut CIA der saudische Kronprinz verwickelt sein soll, änderte sich das Bild. Als US-Außenminister Mike Pompeo im Januar Riad besuchte, brach Alia al-Hathloul ihr Schweigen in einem Gastbeitrag in der New York Times. Darin berichtete sie, wie ihre Schwester mit Stromschlägen gefoltert, geschlagen und sexuell missbraucht worden sein soll. Saud al-Qahtani, der Medienberater des Kronprinzen und mutmaßliche Strippenzieher in der Khashoggi-Affäre, soll beim sexuellen Missbrauch persönlich anwesend gewesen sein, berichtete Loujain al-Hathloul ihren Eltern. Die saudische Organisation für Menschenrechte, die den Missbrauch untersuchen wollte, hat ihre Arbeit mittlerweile eingestellt. Man habe keine Beweise finden können, sagte man der Familie. Bilder vom Körper, der Folterspuren aufweist, wurden der Familie zufolge nicht gemacht.

Vor einem Monat soll Loujain al-Hathloul nun ein Gnadengesuch an den saudischen König Salman unterschrieben haben. Die Familie hofft, dass die Führung in Riad damit einen Strich unter das PR-Desaster setzen will. Bei der Verhandlung am Mittwoch sagte Loujain al-Hathloul kein Wort, erzählt die Schwester noch. Ihre Eltern beschreiben sie ihr später am Telefon als teilnahmslos, als schicksalsergeben. Von ihrem mutigen Lächeln, mit dem sie damals in Richtung Grenze fuhr, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die nächste Verhandlung ist auf den 27. März angesetzt.

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