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Profil:John Curtice

(Foto: Jeff Overs/BBC/REUTERS)

Britischer Meinungsforscher und Schnellredner.

Wollte man einen britischen Film mit einem zerstreuten Professor besetzen, wäre John Curtice erste Wahl. Der Politikwissenschaftler trägt fleckige Sakkos, seine Brille sitzt gern einmal schief, seine Fingernägel haben länger keine Schere gesehen, und wenn er nicht beim Friseur war, stehen die Haare über den Ohren in kleinen Büscheln vom Kopf ab. Aber der äußere Eindruck täuscht. Sir John Kevin Curtice ist ein brillanter Wissenschaftler, ein hervorragender Rhetoriker, ein Zahlenjongleur und Datenanalytiker, wie es nur wenige gibt in Großbritannien.

Curtice lehrt an der Universität Strathclyde in Schottland, er forscht am National Centre for Social Research, er schreibt für die Plattform "What UK thinks: EU" und sitzt in zahlreichen internationalen Gremien, die sich mit Sozialforschung befassen. Vor allem aber ist er Großbritanniens bekanntester Meinungsforscher. Am Donnerstag war er von der BBC gebucht, um den Zuschauern die Parlamentswahl, die Ergebnisse und damit auch ihr Land zu erklären. Wenn er zu Hochform aufläuft, tut er das mit einer Flut von Zahlen, Daten, Interpretationen und Erklärungen, die gleichwohl gut sortiert und auch für Laien verständlich sind.

Curtice gilt als allseits anerkannter "Umfrage-Guru". Selbst wenn die Medienlandschaft im Königreich klar in rechts und links, in pro-Tory und pro-Labour, unterteilt ist, was sich in den Tagen vor der Parlamentswahl in eindeutigen Wahlempfehlungen niederschlug, so befragen und zitieren doch alle Medien den Mann aus Cornwall gern, weil er hochpolitisch, aber nicht parteipolitisch festgelegt ist. Er redet schnell und viel, und ein Interview mit ihm kann in einen halbstündigen Monolog ausarten. Als Times-Kolumnist Matt Chorley den Meinungsforscher unlängst dazu befragen wollte, ob man Umfragen glauben könne, kam Chorley praktisch nicht zu Wort. Aber am Ende waren alle Fragen beantwortet.

Curtice erklärte, es gehe bei seriösen Umfragen nicht nur um die Vorhersage von Ergebnissen, sondern auch um Themen und Strukturen: 2019 sei die Wahl geprägt gewesen vom Brexit. Etwa 80 Prozent derer, die im Referendum 2016 für den EU-Austritt stimmten, hätten auch diesmal eine Partei präferiert, die den Brexit durchziehen wolle. Umgekehrt hätten etwa 80 Prozent derer, die gegen den Austritt waren, für eine Remain-Partei stimmen wollen. Junge Wähler seien engagierter gewesen, ältere frustrierter.

Umfragen, räumt Curtice zudem ein, lägen oft daneben, weil sie zum einen die Wahlbeteiligung nur schwer in ihre Prognosen einbeziehen und zum anderen die Meinung jener nicht präzise gewichten könnten, die sich an Befragungen erst gar nicht beteiligen. Kritisch ist er auch gegenüber Exit Polls, also Nachwahlumfragen. Der Umfrage-Experte moniert, dass sie in Großbritannien unter erschwerten Bedingungen erstellt würden: Weil an einem Wochentag gewählt wird, gingen die meisten Menschen erst nach der Arbeit in die Wahllokale, sodass wenig Zeit bleibe, die Daten auszuwerten. Außerdem würden, anders als in anderen EU-Ländern, nicht die Angaben aus einzelnen Wahllokalen ausgewertet. Stattdessen würden Wähler - in 140 über das Land verteilten Wahllokalen - nach der Abgabe ihrer eigentlichen Stimme für die Exit-Polls noch einmal Duplikate ihrer Wahlscheine ausfüllen und dann in eine falsche Urne werfen; diese Duplikate würden gesammelt, zusammengeworfen und dann an einem zentralen Ort ausgezählt. Daher sei das Ergebnis in einem Land, an dem in jedem Wahlkreis die einfache Mehrheit der Stimmen entscheidet, nur wenig repräsentativ.

2017 galt der 66-Jährige als "der Mann, der die Wahlen gewonnen hat", weil er das unerwartet schlechte Abschneiden von Theresa May früher als andere vorhergesagt hatte. Diesmal prognostizierte der prominente Forscher einen Sieg für die Tories. Aber klug, wie er ist, sicherte er sich natürlich am Donnerstag ab: Garantiert sei das nicht.

© SZ vom 13.12.2019
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