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Profil:Jewgenij Prigoschin

Dem "Koch Putins" heizt nun die Europäische Union ein.

Von Silke Bigalke

Jewgenij Prigoschin hat seine Gefühle für Alexej Nawalny nie versteckt. Der russische Oligarch verachtet den Oppositionellen. Sollte "Genosse Nawalny seine Seele Gott" geben, ließ Prigoschin nach dessen Vergiftung durch das Nervengift Nowitschok wissen, "habe ich natürlich nicht vor, ihn in dieser Welt zu verfolgen". Sollte Nawalny überleben, daran ließ Prigoschin keinen Zweifel, wäre er weiter hinter ihm her. Es ging bei dem Zitat um Geldschulden Nawalnys nach einem verlorenen Verleumdungsprozess. Prigoschin hatte diese Forderung gekauft, um Nawalny verfolgen zu können. Er werde ihm und seinen Mitstreitern "Kleider und Schuhe ausziehen", drohte der Oligarch, da lag Nawalny noch im Koma. Er werde das "mit vollem Vergnügen" tun.

Prigoschin geht es kaum ums Geld, davon hat er reichlich. Der 59-Jährige gilt als jemand, der dem Kreml bei unterschiedlichsten Aufgaben dienlich ist. Bekannt geworden ist er als "Putins Koch", weil er in der Gastronomie angefangen hat. Inzwischen wird ihm vorgeworfen, ein Heer von Internet-Trollen und von Söldnern zu befehligen. Er bestreitet beides.

Geboren ist er, wie Wladimir Putin, in Sankt Petersburg. Dort wurde Prigoschin mit 18 Jahren wegen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, später saß er neun Jahre in Haft, unter anderem wegen Raubes. Als er 1990 freikam, verkaufte er anfangs Hotdogs. Später eröffnete er mit Partnern zwei Nobelrestaurants, das "Alte Zollhaus" am Ufer der Newa und die "Neue Insel" in einem Schiff auf dem Fluss. 2001 kehrten dort Putin und Jacques Chirac, damals Frankreichs Präsident, ein, so soll für Prigoschin alles angefangen haben. Er durfte den russischen Präsidenten dann öfter bei Geburtstagen und Staatsbanketten bewirten.

Der 59-Jährige hat seither das Beste aus seinen Kontakten gemacht. Seine Cateringfirma bekam Milliardenaufträge, belieferte Schulen, zeitweise auch die gesamte russische Armee. Es blieb nicht bei Verpflegung: Seit 2016 steht Prigoschin auch deswegen auf der US-Sanktionsliste, weil er und seine Firmen einen Militärstützpunkt an der Grenze zur Ukraine mitgebaut haben. 2018 wurde er auch noch von US-Sonderermittler Robert Mueller wegen Einmischung in den Wahlkampf 2016 angeklagt. Die Anklage wurde inzwischen fallen gelassen. Die US-Staatsanwälte hatten Sorge, Prigoschins Firma Konkord könnte das Verfahren nutzen, um an sensible Informationen zu gelangen. Die nun verhängten neuen Sanktionen aus Brüssel werden juristisch mit Prigoschins Verwicklungen im Bürgerkriegsland Libyen begründet. Dort kämpfen Söldner der russischen Wagner-Gruppe, eines Militärunternehmens, mit dem Prigoschin eng verbunden sein soll. Über die Sanktionen sei er "sehr verstimmt", teilte der Oligarch mit, da er nun "zahlreiche Geschäftsprojekte" in der EU einschränken müsse.

Gegen Nawalny geht Prigoschin offen und mit Furor vor, dessen Vergiftung ist der politische Anlass für die Sanktionen. Der Oppositionelle hatte dem Cateringunternehmen "Moskauer Schüler" vorgeworfen, Kinder mit schlechtem Essen krank zu machen. Die Firma klagte, ein Gericht verurteilte Nawalny, eine Mitstreiterin und seine Antikorruptionsstiftung zur Zahlung von 88 Millionen Rubel. Hinter "Moskauer Schüler" soll Prigoschin stehen, was dieser bestreitet. Trotzdem hat er die Forderung übernommen. Nawalny steht nun bei ihm in der Kreide. Während der Oppositionelle im Koma lag, wurde seine Wohnung gepfändet.

Prigoschin lässt Anfragen online veröffentlichen, auch jene, ob die Pfändung angesichts von Nawalnys Zustand nicht übertrieben sei. "Freund Alexej ist gesund wie ein Bulle", antwortete Prigoschin. "Der 'Nowitschok' hat ihm gutgetan." Nowitschok bedeutet "Neuling". "Kann ich mir vorstellen, dass Prigoschin Zugriff auf Nowitschok hat?", fragte sich Nawalny nach der Vergiftung. "Nein, denn dann hätte er vermutlich schon die halbe Welt vergiftet."

© SZ vom 16.10.2020

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