UK-Politiker Jeremy Corbyn:Nervensäge der Labour-Partei

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Jeremy Corbyn Takes The Lead In The Labour Leadership Race

Rebellischer Labour-Politiker: Jeremy Corbyn.

(Foto: Getty Images)

Er will die Studiengebühren abschaffen, Unternehmensgewinne höher besteuern und nun auch die Parteiführung von Labour erobern. Wieso der Anti-Monarchist Corbyn sehr gute Chancen hat.

Von Christian Zaschke, London

Der Mann, der das Establishment der britischen Labour-Partei gerade in helle Aufregung versetzt, ist in seinen politischen Überzeugungen von unerschütterlicher Konsequenz. Als Jeremy Corbyn sich Ende der Neunzigerjahre mit seiner Ehefrau Claudia nicht darüber einigen konnte, auf welche Schule der älteste Sohn des Paares gehen sollte, ließ er sich scheiden. Seine Frau hatte darauf beharrt, den Sohn auf ein Gymnasium zu schicken, aber für den Sozialisten Corbyn kam nur eine Gesamtschule infrage.

Zu allem Überfluss war das Gymnasium auch noch nach Königin Elizabeth II. benannt. Corbyn ist Anti-Monarchist, auch das mit der ihm eigenen Konsequenz: Zur parlamentarischen Trauerfeier für die Mutter der Königin erschien er 2002 in einem sehr roten Blazer.

Corbyn bewirbt sich als einer von vier Kandidaten um den Vorsitz der Labour-Partei. Nach der Wahlniederlage im Mai haben die Parteistrategen beschlossen, dass Labour wieder in die politische Mitte rücken müsse. Der 66 Jahre alte Corbyn hingegen gehört zum ganz linken Flügel. Das bereitete den Strategen zunächst keine Sorge, denn Corbyn galt als der Mann, der lediglich die Debatte ein wenig beleben sollte. Mittlerweile führt er das Feld laut Umfragen jedoch an, was aktuelle und einstige Parteigrößen auf den Plan gerufen hat, die eindringlich davor warnen, für Corbyn zu stimmen. Der frühere Premier Tony Blair sagte, von links könne man keine Wahlen gewinnen. Wer in seinem Herzen fühle, für Corbyn stimmen zu müssen, der brauche eine Transplantation.

Die Meinung des Establishments interessierte ihn nie

Corbyn reagiert darauf gelassen. Er hat in seiner Karriere viele Kämpfe ausgefochten, und die Meinung des Establishments interessierte ihn dabei nie. Er hat sich für die Befreiung Nelson Mandelas ebenso eingesetzt wie für die Vereinigung Irlands, er kämpfte für Gerechtigkeit für die Opfer des chilenischen Diktators Augusto Pinochet und protestiert bis heute gegen Atomwaffen. Als Vegetarier ist er im Tierschutz aktiv, er will die Studiengebühren abschaffen, Unternehmensgewinne höher besteuern und dafür sorgen, dass die Reichen mehr zum Gemeinwohl beitragen. In seinem Wahlkreis im Londoner Norden ist er mit diesen Ansichten so beliebt, dass er ihn seit 1983 bei jeder Parlamentswahl mit großer Mehrheit gewinnt.

Corbyn hatte nie ein wichtiges politisches Amt inne, was daran liegt, dass er sich oft gegen den Mainstream stellt. Im vergangenen Jahrzehnt widersetzte er sich fast 300 Mal dem Fraktionszwang und stimmte gegen die verordnete Parteilinie. Von Tony Blairs Neu-Erfindung der Partei als New Labour hielt er gar nichts, und gegen dessen Pläne, in den Irak-Krieg zu ziehen, protestierte er mit Verve. Der Parteispitze geht Corbyn mit seiner Unbeugsamkeit schwer auf die Nerven. Doch auf die Parteibasis wirkt seine Mischung aus Furchtlosigkeit und Konsequenz jüngsten Erhebungen zufolge so anziehend, dass sie ihn in sechs Wochen zum neuen Vorsitzenden küren könnte.

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