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Profil:Haitham ibn Tariq

(Foto: AFP)

Der neue Sultan Omans steht unter enormem Reformzwang.

Die Fußstapfen, in die der neue Sultan von Oman tritt, sind enorm - um nicht zu sagen: gigantisch. Haitham bin Tariq al-Said ist die erste Woche im Amt, sein Vorgänger und Cousin, Sultan Qabus, gerade im Alter von 79 Jahren gestorben, und das Volk steckt mitten in der Trauerphase. Junge Omaner schreiben Gedichte, in denen sie ihr Waisendasein betrauern. Sie haben, wie sie finden, nicht nur einen klugen Staatsmann verloren, sondern vor allem auch einen liebevollen Vater. Die Hälfte der mehr als zwei Millionen Omaner ist unter 25. Die Vaterrolle kann niemand so schnell übernehmen.

Zwar hat der 65-jährige Haitham bin Tariq beim Volk einen Vertrauensvorschuss, er wurde im Testament von Sultan Qabus als Nachfolger benannt, aber vor ihm stehen große soziale und wirtschaftliche Herausforderungen. Sultan Qabus hatte das Land nach der Entmachtung seines Vaters 1970 in die Moderne gehievt: Straßen, Schulen, Krankenhäuser gebaut, Stammesfehden beigelegt. Nun muss sich sein Nachfolger beweisen, doch die Ausgangslage ist eine andere.

Seitdem der Ölpreis sinkt, bleiben die Einnahmen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Verglichen mit den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar hat das Sultanat eher bescheidene Ölvorkommen - trotzdem stellen sie immer noch fast 80 Prozent der Staatseinnahmen. Über Jahrzehnte konnte die Regierung in Maskat viele Einheimische mit Stellen in Ministerien versorgen, doch für die Zehntausenden jungen Omaner, die nun meist mit Universitätsabschlüssen auf den Arbeitsmarkt strömen, ist kein Platz mehr. Die Jugendarbeitslosigkeit lag in den vergangenen Jahren bei 20 Prozent. Für die Privatwirtschaft, etwa für den IT-Bereich oder das Finanzwesen, mussten bislang qualifizierte Migranten aus dem Ausland geholt werden.

Um sich zu bewähren, muss Haitham bin Tariq die "Omanisierung" vorantreiben - also ausländische Arbeitskräfte durch einheimische ersetzen. Als Vorsitzender des Komitees für Omans "Vision 2040", die das Land auf eine Zeit nach dem Öl vorbereiten soll, hat er in den vergangenen Jahren bereits daran gearbeitet. Haitham bin Tariq gilt als ruhig und besonnen - doch viele junge Omaner sind ungeduldig. Ziemlich genau vor einem Jahr demonstrierten sie in den Städten Maskat, Dhofar und Salalah. Im Zuge des Arabischen Frühlings kam es 2011 zu landesweiten Demonstrationen. Die Proteste und womöglich auch einstige Stammesfehden könnten wieder aufflammen.

Der neue Sultan muss liefern, kleine und mittlere Unternehmen fördern, die Wirtschaft diversifizieren. Anders als seine Mitbewerber um den Posten hat der Oxfordabsolvent, dem gute Beziehungen zum britischen Königshaus nachgesagt werden, keinen militärischen Hintergrund. Dafür öffnete er das Land in seiner früheren Position als Minister für nationale Kultur behutsam für Touristen - und das ziemlich erfolgreich. Schon kommen mehr als zwei Millionen pro Jahr ins Land, deutsche Touristen stellen die zweitgrößte Besuchergruppe aus Europa. Im Unterschied zu anderen Golfstaaten setzt Oman nicht auf künstliche Inseln, protzige Hochhäuser und Vergnügungsparks, sondern auf Naturreservate, Nachhaltigkeit und gediegenen Luxus. Lieber weniger Touristen, aber dafür gut betuchte.

Die findet Haitham bin Tariq auch in den Nachbarländern. Als langjähriger Staatssekretär im Außenministerium lernte er die Vorteile von Sultan Qabus' politischer Linie schätzen. Auch er möchte eine ausgeglichene, souveräne Außenpolitik führen, beruhend auf gutnachbarlichen Beziehungen und Nichteinmischung in militärische und politische Konflikte. Sein Vorgänger lehnte finanzielle Hilfe aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien meist ab. Um die Wirtschaft anzukurbeln, könnte der neue Sultan eine stärkere Zusammenarbeit erwägen. Der Preis wird hoffentlich nicht allzu hoch sein.

© SZ vom 18.01.2020
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