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Profil:David Frost

(Foto: Francois Lenoir / Reuters)

Brexit-Hardliner und künftiger Sicherheitsberater.

Diese Woche ist David Frost mal wieder in Brüssel. Der Brexit-Chefverhandler der britischen Regierung hat den Auftrag, neuen Schwung in die festgefahrenen Gespräche mit der EU zu bringen. Geht es nach Premierminister Boris Johnson, soll Frost nun "den Tiger in den Tank packen" und noch vor der Sommerpause ein Freihandelsabkommen aushandeln. Ob das gelingt, ist ungewiss. In Brüssel rechnet man eher mit einem Showdown im Herbst. Doch davon will Johnson nichts wissen: Er möchte die Verhandlungen so schnell wie möglich abschließen. Und als Zeichen seines Willens hat er seinen Vertrauten Frost schon jetzt zum nationalen Sicherheitsberater ernannt; Dienstbeginn ist bereits im August. Die Botschaft in Richtung Brüssel ist damit klar: Bis dahin wollen die Briten einen Deal.

Auch wenn Frost mit den Brexit-Verhandlungen noch länger zu tun haben dürfte, steht jetzt schon eines fest: Der 55-Jährige ist in nur sechs Monaten zu einem der mächtigsten Männer im Vereinigten Königreich aufgestiegen. Als Brexit-Chefverhandler und Sicherheitsberater wird es seine Aufgabe sein, die globale Rolle Londons neu zu definieren. Oder wie Frost sagt: "Mein Ziel ist es, den Premierminister dabei zu unterstützen, eine neue strategische Vision für Großbritanniens Platz in der Welt als unabhängiges Land zu entwickeln." Nach Jahrzehnten des Dämmerschlafs soll das Königreich endlich erwachen und sich, frei von den Fesseln der EU-Bürokratie, selbst behaupten. "Global Britain" heißt der Traum der Brexiteers. Frost soll ihn verwirklichen.

Im Londoner Regierungsviertel sorgt seine Berufung zum Sicherheitsberater für ziemliche Aufregung. Denn anders als seine Amtsvorgänger kann "Frosty", wie er in Whitehall genannt wird, keine große Expertise in der Außen- und Sicherheitspolitik vorweisen. So mancher rümpft nun die Nase über Frost, der es in den Nullerjahren lediglich zum britischen Botschafter in Dänemark gebracht habe. Auch über seine Zeit an der Spitze des Scotch- und Whiskey-Verbandes zerreißen sich viele das Maul. Das dürfte wiederum ganz in Johnsons Sinne sein: Zusammen mit seinem umstrittenen Chefberater Dominic Cummings will er hochrangige Beamte entmachten und durch Mitarbeiter ersetzen, die eben nicht die 1A-Karriere hingelegt haben. Neben Loyalität zählt vor allem ein Bekenntnis zum Brexit als Einstellungskriterium. Bei Frost ist beides gegeben. Downing Street spricht von einer "politischen Ernennung".

Geboren wurde David Frost 1965 in den englischen Midlands. Von Derby aus ging es zunächst an die Nottingham High School, später nach Oxford. Dort studierte Frost Französisch und Geschichte. Seine Karriere begann er 1987 als Mitarbeiter im Außenministerium. Als er Anfang der Neunzigerjahre nach Brüssel geschickt wurde, lernte er dort die Mechanismen der EU kennen. Frost kam zu der Überzeugung, dass Großbritannien besser dran wäre, wenn es sich von den Brüsseler Vorschriften lösen würde. Nach seiner Arbeit in der britischen EU-Vertretung soll er desillusioniert gewesen sein. Mit dem europäischen Esprit, der viele nach Brüssel Entsandte ansteckt, konnte Frost nicht viel anfangen.

Anders als sein Vorgänger Olly Robbins, der als Brexit-Unterhändler durchaus die Probleme des EU-Austritts anerkannte, ist Frost ein überzeugter Brexiteer. So sehr der Brite wegen seiner ruhigen Art in Brüssel geschätzt wird, so sehr nervt er EU-Chefverhandler Michel Barnier, wenn er immer wieder auf die Souveränität Großbritanniens pocht. Doch genau darum geht es Frost, denn in ihr sieht er die Möglichkeit, "unsere Regeln zu unserem eigenen Nutzen zu schaffen". Dies mag eine recht utilitaristische Sichtweise sein, aber sie beschreibt seine Überzeugung durchaus treffend. Für die EU, die ihr Selbstverständnis seit jeher von geteilter Souveränität ableitet, ist Frosts Credo allerdings nicht weniger als eine Kampfansage.

© SZ vom 30.06.2020

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