Profil Dariga Nasarbajewa

(Foto: oh)

Die erfolgreiche Sängerin ist nunmehr die mächtigste Frau Zentralasiens.

Von Frank Nienhuysen

Sie ist die mächtigste Frau in Zentralasien, ihre Stimme wird deutlich vernommen - auch im berühmten Bolschoi-Theater. Ihr Klang ist Mezzosopran. In einem rot-silberfarbenen Folklorekleid steht Dariga Nasarbajewa auf der Moskauer Bühne und singt traditionelle kasachische Lieder. Im Publikum: russische Künstler, von denen einer versichert, er sei nicht hierher gekommen, um die Tochter des kasachischen Präsidenten zu hören, sondern die Sängerin Dariga Nasarbajewa. "Sie ist professionell."

Ein paar Jahre liegt der Auftritt zurück, die Kasachin hat auch schon "Phantom of the Opera " gesungen, und Lieder von Joe Dassin. Warum auch nicht, Dariga Nasarbajewa ist ausgebildete Opernsängerin. Aber die älteste Tochter von Nursultan Nasarbajew ist sie eben auch und deshalb nun mittendrin in der Debatte über die Machtverlagerung in Zentralasiens reichstem Land.

Es ist eine Zäsur, die ihr Vater Nursultan Nasarbajew am Dienstag setzte, als er nach knapp 30 Jahren seinen Rücktritt als Staatspräsident erklärte. Er bleibt sehr machtvoll, trotzdem rücken andere nun auf. Sein Amt hat er am Mittwoch zunächst an Kassym-Schomart Tokajew übergeben, kurz darauf wurde Nasarbajews 55 Jahre alte Tochter Dariga zur Vorsitzenden des kasachischen Oberhauses gewählt. Es gab 44 von 44 Stimmen und einen großen Strauß roter Blumen. Es ist ein besonderes Amt, denn sollte der neue Präsident seinen Posten aus welchen Gründen auch immer freigeben, würde Dariga Nasarbajewa ihn automatisch übernehmen. Im nächsten Jahr steht die Präsidentschaftswahl an, bis dahin dürfte gerätselt werden, ob aus der einst Prinzessin genannten Präsidententochter künftig die Königin von Kasachstan wird. Wundern würden sich wohl die wenigsten.

Natürlich muss gewählt werden, doch familiäre Bande zählen viel in Zentralasien

Über Dariga Nasarbajewa wird seit vielen Jahren geredet, dass sie eines Tages als Präsidentin ihren Vater ablösen und damit eine Art politische Erbdynastie begründen könnte. Natürlich muss gewählt werden, doch familiäre Bande zählen viel in Zentralasien, und wenn stimmt, dass die Sorge vor instabilen Zeiten als extrem wichtiger Faktor gilt, so dürften Tokajew und Nasarbajewa nach dieser Logik erste Wahl sein. Eine Sängerin? Dariga Nasarbajewa hat ihr Faible fürs Künstlerische nie abgelegt, sie nahm einmal eine CD mit dem Titel "Aber ich liebe dich trotzdem" auf. Doch erstens ist das auch schon eine Weile her, zweitens zog sich die Spur Richtung Machtspitze bereits sehr früh und auch äußerst geradlinig durch ihre Vita.

Dariga Nasarbajewa, im Gebiet Karaganda geboren, wo es eine große Minderheit von Deutschstämmigen gibt, ist nach ihrem Geschichtsstudium schnell in strategische Stellen gerückt. Direktorin einer staatlichen Fernsehagentur, Abgeordnete, Vize-Ministerpräsidentin, Vorsitzende des Senatsausschusses für internationale Beziehungen, Verteidigung und Sicherheit. Nun also Chefin des Oberhauses, ein Schritt nur noch bis ganz hinauf.

Nach ihrer Wahl am Mittwoch sprach sie erst auf Kasachisch, dann auf Russisch von einem "Wendepunkt in unserer Geschichte", der "Modernisierung der Gesellschaft". Was meint sie damit? Einen Abbau der autoritären Strukturen? Weniger Armut durch mehr Demokratie? So wie es vorsichtig im benachbarten Usbekistan probiert wird? Immerhin hat Dariga Nasarbajewa vor 20 Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel "Auf dem Weg zur Demokratie". Und in einem Interview der Zeitung Iswestija würdigte sie einmal, in Europa und Amerika würden die Präsidenten wechseln, ohne dass dies die Menschen gleich spürten. Weil dort das System selber stabil sei. In Zentralasien sei dies anders, daran müsse man arbeiten.

Wie viel Aufbruch es im wirtschaftlich wie sozial kriselnden Kasachstan geben wird und welche Rolle Nasarbajewa dabei spielt, ist noch unklar. Fest steht, dass sie in der Hauptstadt Astana arbeitet, die aber schon bald Nursultan heißen wird. Wie ihr Vater.