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Profil:Christian Eckmann

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Christian Eckmann: Metall-Restaurator und gewissermaßen Tutanchamuns Barbier.

(Foto: Mohammed abd al-Ghany/Reuters)

Metall-Restaurator und gewissermaßen Tutenchamuns Barbier.

Mit dem Grabschatz des Tutanchamun kennt sich Christian Eckmann bestens aus. Der Restaurator, der sein Handwerk in einer Spezialausbildung am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz gelernt hat, ist 2013 nach Kairo gekommen, um an bislang kaum erforschten verzierten Goldblechen zu arbeiten, die zu Streitwagen und Rüstung des legendären Kinderpharao gehörten.

Doch im Januar ereilte den 58 Jahre alten Experten für Metallobjekte eine andere, wesentlich heiklere Mission: Bei Arbeiten an der Vitrine der weltberühmten goldenen Totenmaske im Ägyptischen Museum war im August 2014 der markante Zeremonienbart vom Kinn abgebrochen und wenig fachgerecht mit Epoxidharz wieder angeklebt worden. Es blieb eine hässliche, deutlich sichtbare Naht am Kinn - und die Sorge, das unschätzbar wertvolle Stück aus massivem Gold könnte irreversibel beschädigt worden sein.

Ägyptens Altertümer-Minister, Mamdouh el-Damaty, der in Trier und Köln studiert hat, beauftragte den Deutschen, den Schaden zu begutachten und vertraute ihm dann die Leitung der Restaurierung an. "Es gibt keine bleibenden Schäden, und der Bart sitzt, unsichtbar befestigt, wieder in seiner ursprünglichen Position", konnte Eckmann nun verkünden. Ein "bisschen stolz" sei er schon, sagte er, vor allem aber "reif für einen entspannten Weihnachtsurlaub in Deutschland".

Es waren nervenaufreibende Monate, in denen es galt, mit einem Team von 20 Mitarbeitern eine Strategie zu entwickeln, wie sich der Bart schadlos entfernen und anschließend wieder originalgetreu anbringen lasse. Standardlösungen gibt es für Restauratoren nicht - nur Einzelstücke. Fehler kann man sich nicht erlauben, wenn man unter den Augen der Weltöffentlichkeit mit einem 3300 Jahre alten Artefakt zu tun hat, das wie kaum ein anderes das alte Ägypten verkörpert.

Eckmann schöpft aus drei Jahrzehnten Erfahrung; er hat in Ägypten Kupferstatuen des Pharao Pepi I. aus dem Tempel von Hierakonpolis restauriert, in China Bronzevögel aus dem Mausoleum des ersten Kaisers Qin Shihuangdi, das für seine Terrakotta-Armee berühmt ist. Dem Bart widmete er sich in einem eigens eingerichteten Labor im Ägyptischen Museum. Das Material der Maske wurde mit Röntgenfluoreszenz analysiert, dann per Laserscanner dreidimensional vermessen, um eine exakt passende Aufnahme fertigen zu können. In die wurde das Stück gebettet. Eckmann fand heraus, welcher Kleber verwendet worden war - und erfragte bei dem deutschen Hersteller die Eigenschaften. Epoxydharz ist beständig gegen Lösungsmittel und sehr hart, wird aber durch Erwärmung weicher. "Wenn man's heiß genug macht, geht jeder Kleber ab", sagt Eckmann. Nur durfte der Bart nicht zu stark erhitzt werden, um Schäden zu vermeiden. Mit selbst geschnitzten Spateln aus Lindenholz musste er also mühsam Schicht für Schicht abknibbeln.

Als er den Bart in der Hand hielt, folgte die nächste Überraschung: Er war aufgeschoben auf einen Tubus aus Goldblech, der in der Antike wohl mit Goldlot am Kinn angebracht worden war. Auch der Tubus war mit Epoxidharz verklebt - eine noch größere Fummelei. Dann konnte Eckmann die Trägerröhre wieder am Kinn anbringen. Mit Fiberglas - und Epoxidharz. "Aber wir haben weniger als ein Gramm verwendet", sagt der Restaurator mit einem Grinsen. Den zweieinhalb Kilo schweren Bart fixierte er darauf mit natürlichem Bienenwachs, wie es vermutlich schon die alten Ägypter getan haben.

Tutanchamun ist zurück in der Vitrine, doch Eckmanns Arbeit geht weiter: Er wertet Daten aus, Überraschungen nicht ausgeschlossen. Wenn die Kartusche mit dem Königsnamen der Maske überschrieben wurde, wie der britische Ägyptologe Nicholas Reeves vermutet, wäre das ein erster Hinweis, dass sie ursprünglich gar nicht für Tutanchamun gefertigt wurde. Eckmanns Patient war dann womöglich eine Frau: Nofretete.

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