Profil Anke Stelling

Die Schriftstellerin wurde in Leipzig preisgekrönt. Sie sieht das Politische im Privatesten.

Von Karin Janker
(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Glück? Überraschung? Befremden? Wenige Minuten nachdem sie den Preis der Leipziger Buchmesse entgegengenommen hat, muss Anke Stelling auf dem blauen Sofa sagen, wie sie sich fühlte, als ihr Name fiel. Pflichttermin für die Preisträger. Anke Stelling, die gerade den begehrten Preis in der Kategorie Belletristik erhalten hat, sagt in dem Moment einfach: "Ich habe mich sehr gefreut."

Kurz darauf spricht sie aber auch über ihr Unbehagen: Nur weil sie jetzt den mit 15 000 Euro dotierten Preis erhalten habe, ist sie deswegen nicht mit allem versöhnt: "Das An-den-Rand-gestellt-Werden und die Demütigung und der Kapitalismus, das Patriarchat, der Paternalismus - das bleibt ja alles." Anke Stelling ist eine politische Schriftstellerin, gerade weil sie über Dinge schreibt, die an den Rand gestellt werden und nicht unbedingt als politisch gelten: Mutterschaft, Freundschaft, Mittelschichtssorgen. Stelling verwandelt diese Themen in politische Literatur.

Ihr in Leipzig ausgezeichneter Roman "Schäfchen im Trockenen", erschienen im kleinen Verbrecher Verlag, erzählt von Resi, Mitte vierzig, geborene Schwäbin, Schriftstellerin in Berlin, die sich angesichts einer Wohnungskündigung auf ihre eigene soziale Klasse zurückgeworfen sieht. Die Ich-Erzählerin, Mutter vierer Kinder, kann mit ihren Freunden, die geerbt haben, nicht mithalten.

Das macht ihr Angst, und dafür schämt sie sich. Stelling schreibt ihre Romane "an ihrer Gegenwart entlang". 1971 ist sie in Ulm geboren, anschließend in Stuttgart aufgewachsen. Von 1997 an studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Zeitweise lebte und arbeitete sie mit dem Schriftsteller Robby Dannenberg, gemeinsam verfassten sie ihr Debüt "Gisela" (1999). Heute lebt Stelling mit Mann und drei Kindern in Berlin. Ihre persönliche Lebenssituation ist in "Schäfchen im Trockenen" eingeflossen, doch der Roman betreibt keine Nabelschau, sondern ist wütende Anklage, bittere Selbstreflexion und vor allem kluges Nachdenken über die Klasse als Verortung in der Welt.

Klassenbewusstsein manifestiert sich bei Stelling in Details: Resi wuchs mit einem Küchenboden aus PVC auf, graues Schlierenmuster, Mitschüler hatten in der Küche feinen Terrazzoboden. Was dem Mädchen damals noch nicht klar war, benennt die erwachsene Frau: Die Klassenfrage entscheidet sich auf dem Küchenfußboden. "Schäfchen im Trockenen" handelt von Gerechtigkeit, Neid, der Sehnsucht nach sozialer Absicherung und der Angst der Mittelschicht, ihre Privilegien zu verlieren. Sie habe ein "Aufklärungsbuch" geschrieben, sagt Stelling. Es ist ihr siebter Roman, mit "Bodentiefe Fenster" stand sie 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises; daneben schreibt sie regelmäßig Drehbücher und gerade an ihrem zweiten Kinderbuch.

Das Privateste ist bei ihr mitunter das Politischste: Windelnwechseln habe Einzug in ihr Schreiben gehalten, als sie Kinder bekam - gleichzeitig habe das Windelnwechseln sie vom Schreiben abgehalten, sagte sie dem Literaturmagazin poet. Eine Spannung, die sie zum Erzählen reize. Dass "Reproduktion " von den Feuilletons oft überhaupt nicht für "literaturfähig" erachtet werde, ärgert sie. Schriftstellerin zu sein ist für sie gesellschaftlicher Auftrag, der Name ihrer Protagonistin erzählt davon: "Resi" stehe nicht etwa für Theresa, sondern für "Parrhesia", die Freiheit, die Wahrheit auszusprechen.

Stelling inszeniert sich nicht als moralische Aufklärerin, sie überlässt es den Lesern nachzudenken. Als "verstörend uneindeutig" lobte die Jury "Schäfchen im Trockenen", einen Roman, der "wehtun will und wehtun muss, der protestiert gegen den beständigen Versuch des Besänftigtwerdens". Stelling ist sich der Konsequenzen solcher Poetik bewusst: "Schreiben hat etwas Brutales", sagt sie. Resis Tochter gab sie den Namen Bea, die Glückliche. Stellings Vorname Anke bedeutet "die Begnadete" - zum Symbolismus neigt sie aber nicht.