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Profil:Andrea Nahles

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Abgetretene Politikerin, die jetzt Präsidentin wird.

Von Thomas Öchsner

Andrea Nahles hält es so wie ein gute Pfarrerin, die in einer Gemeinde neu anfängt. Erst einmal schauen, zuhören, die Mitarbeiter kennenlernen, aber nur nicht vorher irgendwelche großen Vorhaben ankündigen. Die frühere Bundesarbeitsministerin, Fraktionsvorsitzende der SPD und erste Frau, die zur Vorsitzenden der ältesten Partei Deutschlands gewählt wurde, ist klug genug, nicht schon jetzt über ihren neuen Job zu reden, bevor sie ihn überhaupt angetreten hat.

An diesem Montag fängt Nahles als bundesweit bekannte Präsidentin der weitgehend unbekannten Bundesanstalt für Post und Telekommunikation an. Die Behörde kümmert sich um die Belange der Beamten des früheren Staatsunternehmens Deutsche Bundespost, die bei der Telekom oder der Deutschen Post arbeiten oder gearbeitet haben. Die Bundesanstalt hat etwa 1400 Mitarbeiter, ungefähr so viele wie das von Nahles vier Jahre lang geführte Arbeitsministerium, aber das ist schon die einzige Gemeinsamkeit mit ihrem früheren Amt. Nahles, 50, Mutter einer neunjährigen Tochter, muss künftig nicht mehr ins ferne und raue Berlin pendeln, sondern ins beschauliche Bonn. Und die Fahrzeit aus ihrem rheinland-pfälzischen Heimatdorf Weiler, wo die Katholikin mit neun Jahren Ministrantin wurde, später mit 24 die erste weibliche Gemeinderätin war und nun in einem Bauernhof lebt, wird auch nur eine Stunde betragen.

Die neue Aufgabe ist kein politisches Comeback. Es ist eher der Versuch, ein zweites Leben zu beginnen, jenseits der Politik, die einmal ihr Leben war.

Als Nahles im Juni 2019 alle Ämter niederlegte, war sie müde geworden vom wachsenden Druck aus ihrer Partei und der immer hemmungsloseren Kritik an ihrer Person und ihren zum Teil missverständlichen oder misslungenen Aussagen - wie etwa der völlig danebengegangenen über den Koalitionspartner CDU/CSU ("Ab morgen kriegen sie in die Fresse"). Nahles hatte aber - im Gegensatz zu manch anderen Größen, die mit der Politik Schluss machten - keinen Plan B. So verlief die Suche nach einem neuen Job schleppend, was auch daran gelegen haben dürfte, dass Nahles nicht nur bei Personalvorständen ihr Image als Ex-Juso-Chefin und Kampf-Linke mit gelegentlich hölzern wirkenden öffentlichen Auftritten nie ganz los wurde. Dabei war sie als Ministerin der großen Koalition, die unter anderem den Mindestlohn in Deutschland durchsetzte, selbst in der Union wohlgelitten. So gesehen, kam der neue Präsidentenjob wie gerufen. Dass sie, wie hin und wieder kolportiert, quasi von ihrem Parteifreund, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, mit dem Amt versorgt wurde, stimmt so allerdings nicht.

Scholz, so erzählen es Kenner der Materie, habe die Sache abgenickt. Auch die Bundeskanzlerin und CSU-Chef Markus Söder sollen den Wechsel wohlwollend unterstützt haben. Aber die Initiative ging von der Gewerkschaft Verdi aus. Deren Vertreter sitzen im Verwaltungsrat der Bonner Behörde und schlugen Nahles als Nachfolgerin für ihren Amtsvorgänger Andreas Hermes vor, der ins Bundeswirtschaftsministerium wechselt. Man wollte endlich eine Frau als Chefin haben, und Führungserfahrung konnte die frühere Ministerin ja vorweisen.

Nahles soll deshalb verärgert gewesen sein über Berichte, die sie quasi als Raffzahn hinstellten, zumal sie als Neuling in dem Amt zunächst weniger als ihr Vorgänger verdienen wird. Hinzu kam das Gerede über einen Zusatzjob in Brüssel. EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit hat sie als Sonderberaterin engagiert. Die Aufgabe erledigt Nahles jedoch ehrenamtlich.

Nahles sammelt, anders als der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, keine lukrativen Jobs in der Wirtschaft oder als Beraterin. Und anders als bei ihm gibt es bei ihr auch keine öffentlichen Abrechnungen mit der SPD. Ihr neues Leben, so hat Nahles es sich vorgenommen, soll ohne Misstöne beginnen.

© SZ vom 03.08.2020

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