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Profil:Alain Delon

(Foto: afp)

Der Schauspieler erhält in Cannes die Ehrenpalme - das gefällt nicht allen.

Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert - das ist einer der legendären Sätze der Literatur- und Kinogeschichte. Der junge Tancredi sagt ihn zum alten Fürsten von Salina in "Der Leopard", dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, verfilmt von Luchino Visconti. Burt Lancaster ist der alte Fürst, Alain Delon der junge Tancredi. Ein Satz, in dem das Revolutionäre sich mit dem Restaurativen mischt und der dem Charakter Alain Delons ziemlich gut entsprochen hat, des jungen zumal. Der Film wurde 1963 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Nun, über ein halbes Jahrhundert später, ist Alain Delon im Alter von 83 Jahren mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet worden, seine Tochter Anouchka Delon überreichte sie ihm. Am kommenden Sonntag soll er im Festivalpalast in großem Rahmen gefeiert werden, mit einer Vorführung des Films "Monsieur Klein" von Joseph Losey, in dem er die Hauptrolle spielt und den er selbst produziert hat. Es geht um die Geschichte eines Antiquitätenhändlers, der im besetzten Paris Geschäfte mit von den Nazis bedrohten Juden macht.

Schon vor Beginn des diesjährigen Festivals wurde heftig gestritten über diese Palme. Die amerikanische Organisation "Women and Hollywood" hatte eine Petition gestartet, in der gefordert wurde, die Entscheidung rückgängig zu machen - es sei auf diesem Festival kein Platz "für die Rassisten, die Sexisten und die Homophoben". Äußerungen, die nahelegen, dass Delon zu diesen drei Gruppen gehören könnte, gab es durchaus in den vergangenen Jahren, das räumt Thierry Frémaux ein, der künstlerische Leiter von Cannes. Delon machte nie ein Geheimnis aus seiner Nähe zur Familie Le Pen und deren Partei, hat in Interviews auch zugegeben, dass er Frauen geschlagen habe. Das Festival verdamme gewisse Ansichten, sagt Frémaux, aber nicht die Freiheit der Meinungsäußerung. "Es ist ja nicht der Nobelpreis, den wir Delon verleihen, sondern eine Ehrenpalme für seine Karriere."

Natürlich kann man das bei den großen Stars so einfach nicht trennen, das Image auf der Leinwand und die öffentliche Person. Gewisse grobe Momente gehören zum Mythos von Alain Delon. In dem Film "Plein Soleil/Nur die Sonne war Zeuge" von René Clément verkörpert er Tom Ripley, den jungen Helden aus den Romanen von Patricia Highsmith, der seinen Freund umbringt, um dessen Identität anzunehmen. Der junge Delon ist, nicht nur in diesem Film, eine unglaubliche Mischung von Trotz und Selbstsicherheit, unabhängig von der Liebe der anderen, unfähig, andere zu lieben.

Diesen Typus vertiefte er als junger Boxer in "Rocco und seine Brüder", ebenfalls von Visconti, als dynamischer Börsianer in "L'eclisse" von Michelangelo Antonioni und dann in den drei Filmen, die er mit Jean-Pierre Melville drehte: "Der eiskalte Engel", "Vier im roten Kreis" und "Der Chef". Die Rollenskala reicht in diesen Filmen vom Profikiller bis zum Pariser Kommissar, alle drei laborieren an ihrer kalten, kamikazehaften Einsamkeit. Delon perfektionierte eine Kunst der Ausdruckslosigkeit, heute nennt man es Minimalismus. Und jeder dieser Filme führt bis heute ins Herz der filmischen Faszination - in der wir uns mit Typen identifizieren, die unseren moralischen Werten gar nicht gerecht werden.

Delon drehte einige der intensivsten Gangsterfilme des französischen Kinos, auch privat gab es Beziehungen zum Gangstermilieu. Aber er hatte auch andere Seiten. Romy Schneider, mit der er für ein paar Jahre liiert war, half er, vom lästigen Sissi-Image loszukommen.

Melville erzählte einmal, wie für eine Szene in "Der eiskalte Engel" der Killer mit dem Wagen in eine enge Hofeinfahrt fahren sollte, wo er nur Millimeter Abstand hatte. Alain Delon stieg in den Wagen, fuhr die Straße entlang und bog ein, ohne an die Wand zu schrammen. Eine einzige Aufnahme. Die Präsenz eines Stars.

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