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Pressestimmen zur Bundespräsidentenwahl:"Hoffen wir, dass er dem gerecht wird"

Joachim Gauck soll nicht nur länger durchhalten als seine zwei Vorgänger, sondern das höchste Amt im Staate zu alter Größe zurückführen: Die Erwartungen an Joachim Gauck sind enorm. Ab sofort liege es an ihm, den Vertrauensvorschuss zurückzuzahlen, so der Tenor der Zeitungskommentare.

Die Wahl Joachim Gaucks war keine erwähnenswerte Situation und so widmen sich die Kommentatoren der deutschen Zeitungen vor allem den Erwartungen, die auf Joachim Gauck lasten, und die es für ihn nun zu meistern gilt.

[] Fankfurter Allgemeine Zeitung: "Er genoss das Ansehen eines 'elder statesman' der Helmut-Schmidt-Klasse, ohne - die Leitung einer Behörde erhebt noch nicht in diesen Stand - jemals ein Staatsmann gewesen zu sein", schreibt Berthold Kohler für die F.A.Z.. "Seit gestern verlangt das Schicksal diesen Vorschuss von ihm zurück." Gauck ziehe mit "einem umfassenden Sanierungsauftrag" ins Schloss Bellvue: "Er soll ein Amt, dessen Würde und Ansehen gelitten haben, wieder zu alter Höhe aufrichten."

[] Spiegel Online: "Was wird Gauck jetzt tun? Die Aufgabe des Bundespräsidenten ist relativ klar umrissen: Im Alltagsgeschäft möchten die Parteien unter sich bleiben, der erste Mann im Staate soll sich auf Vorträge über das schöne Wetter oder sonst was beschränken. Er soll - kurz gesagt - Sonntagsreden halten." Gauck habe nun genau zwei Möglichkeiten, kommentiert Roland Nelles: "Er kann sich an diese Rollenzuweisung halten, oder er durchbricht sie, mischt sich ein und mischt auf. Mit Sicherheit wird Joachim Gauck ein Amtsinhaber sein, der aufrüttelt, vielleicht sogar den einen oder anderen wachrüttelt. Er wird auch nerven, nicht nur den Politikbetrieb, sondern auch so manchen Bürger. Soll er doch."

[] Handesblatt: "Gewiss doch: Jetzt folgt erst einmal spontane Erleichterung dem langen Überdruss. Doch die Frage bleibt: Wozu braucht diese Republik einen Präsidenten, was kann sie von einer repräsentativen Figur an geistiger Führung erwarten? Es gibt nur einen, der diese Frage füglich beantworten kann: Joachim Gauck. Allein durch seine Person wird er belegen müssen, was die Kanzlerin gleich zweimal nicht an ihrem Präsidentenreißbrett hat finden können: Die Bundesrepublik braucht einen Bundespräsidenten, der gerade in seiner Machtlosigkeit die Mächtigen Moral im Amt und Loyalität gegenüber dem Land lehrt."

[] Die Welt: "Er wird für die repräsentative, von Bürgern wie Parteien getragene Demokratie werben, und es steht nicht zu erwarten, dass er wie mancher Vorgänger der Versuchung erliegen wird, das erste Amt im Staate gegen die politische Klasse in Stellung zu bringen und sich in Schloss Bellevue als Oberlehrer der Nation aufzuführen. Joachim Gauck hat das Zeug zum Aufbruch in neue Gefilde und Gebirge. Er ist ein deutsch-deutscher Migrant und verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit."

[] Frankfurter Rundschau: " Joachim Gauck hat gestern angekündigt, dass er ein lernender Präsident sein werde. Einer, der nicht von vornherein alles weiß, der zuhören will. Einer, der den Graben zwischen Politik und Bürgern überwinden, nicht vertiefen will. Einer, der den Menschen abverlangen wird, ihre Verantwortung für die Generation der Kinder und Enkel wahrzunehmen. Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, hat vor Gaucks Wahl die Medien aufgerufen, der Politik nicht nur mit Vorbehalten zu begegnen, sondern den Politikern auch Vertrauen entgegen zu bringen. Gauck geht mit einem großen Vertrauensvorschuss ins Amt. Hoffen wir, dass er dem gerecht wird."

[] Hamburger Abendblatt: "Der Vertrauensvorschuss an den 72-Jährigen ist Segen und Fluch zugleich. Zwei Drittel der Deutschen erwarten, dass Joachim Gauck sich als Bundespräsident für sozial Schwache einsetzen wird. 67 Prozent rechnen damit, dass er den Parteien deutlich seine Meinung sagen wird. Drei Viertel wünschen sich, dass er sich vordringlich mit den Themen Freiheit und Familie beschäftigen wird, 65 Prozent erwarten ein Engagement zur Bekämpfung der Finanzkrise. Dieser Mix an Erwartungen zeigt zweierlei: Die Deutschen wünschen sich eine Instanz wie den Bundespräsidenten, die Tacheles zu reden vermag. Zugleich aber ist klar, dass er es nicht allen Recht machen kann."

[] Berliner Zeitung: "Es ist eine Binsenweisheit, dass die Macht des Bundespräsidenten 'nur' in der Macht seiner Rede liegt. Am Tag seiner Wahl ist noch längst nicht klar, worüber Gauck in den kommenden fünf Jahren reden wird, ob es ein großes Thema seiner Präsidentschaft geben und welches das sein wird. Gaucks Lebensthema ist die Freiheit. Welche Aktualität dieses Thema hat, ist heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer, vor allem jenseits der deutschen Grenzen zu besichtigen: in den arabischen Ländern, die vor einem Jahr gegen die alten Machthaber aufgestanden sind, in Syrien, wo der Kampf um die Freiheit täglich Tote und Verletzte fordert."

[] Kölner Stadt-Anzeiger: "Warum lässt man die Bürger nicht direkt wählen, zumal es eine der Hauptaufgaben Gaucks sein wird, dem öffentlichen Verdruss am politischen System und seinen Akteuren zu begegnen? So rührend rückwärtsgewandt Gaucks Bekenntnis zur demokratischen Freiheit der Wahl manchem erscheint - es ist von hoher Aktualität in einer Zeit, die durch Wahlmüdigkeit und populäre Herabsetzung von Politik geprägt ist."

[] Neue Ruhr Zeitung: "Er mag ein Präsident der Herzen sein, 'Everybody's Darling' ist er aber gewiss nicht. Joachim Gauck hat sich in der ehemaligen DDR, aber auch nach der Wiedervereinigung, nie vereinnahmen lassen. Wenn er selbst nicht immer die Speerspitze des Widerstands war, so ist er doch ein begnadeter Widerborstiger. Bequem wird er es sich im Schloss Bellevue nicht machen wollen", schreibt ? in der Neuen Ruhr Zeitung und der Neuen Rhein Zeitung. "Er wird auch all denen Überraschungen bescheren, die ihn nominiert haben. Die Kanzlerin ahnt, was da auf sie zukommt."

[] Eßlinger Zeitung: "Wer Gauck vorwirft, das Thema Freiheit sei das Einzige, wofür dieser stehe, dem sei entgegnet: Von seinem Vorgänger wusste man vor seiner Wahl allenfalls, dass er ein einigermaßen erfolgreicher niedersächsischer Machtpolitiker war."

[] Mindener Tageblatt: "Dass er die Bürger nicht aus ihrer eigenen Verantwortung für ihr Staatswesen zu entlassen gedenkt, war der Dankesansprache ebenfalls zu entnehmen. Ein Wohlfühl-Präsident wird Joachim Gauck nicht werden, so viel ist begründet zu hoffen. Vielleicht kann er sogar mit einigen Missverständnissen aufräumen."

[] Offenburger Tageblatt: "Joachim Gauck wird von den Bürgern nun genau beobachtet werden, zumal er ihr Wunschkandidat für den Posten war. Man wird ihm zuhören, und wenn die Bevölkerung ihm zuhört, müssen das mit Blick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr auch die Politiker in Berlin tun. Das ist die Chance, die Gauck nutzen muss."

[] Die Glocke: "Letztlich ist es eine besondere Gabe, die den Mecklenburger wie keinen anderen für das höchste Staatsamt qualifiziert. Die Verfassung hat den Bundespräsidenten mit wenig Macht ausgestattet. Er wirkt vor allem durch das Wort. In dieser Hinsicht bringt Joachim Gauck die besten Voraussetzungen mit."