Presse in der Türkei Beschuldigt, Journalisten zu sein

Von unseren 13 Freunden, die am 5. November vor Gericht gebracht wurden, wurden vier unter Auflagen freigelassen. Dass sie gleich nach ihrer Freilassung nachts um 4 Uhr in die Zeitung kamen und dort von ihren wartenden Kollegen empfangen wurden, zeigt, wie sehr wir unserem Beruf verbunden sind.

Aber in der Türkei bleibt keine Freude ohne Strafe. Denn unsere übrigen festgenommenen Freunde wurden von Freitagnacht bis Samstagmorgen im größten Gerichtspalast Europas, dem Çağlayan-Gerichtsgebäude, von einem Richter befragt. Am Ende wurden sie verhaftet und nach Silivri gebracht, das man als Europas größtes Gefängnis rühmt. So hat sich die Zahl der in der Türkei inhaftierten Journalisten auf 142 erhöht.

Cumhuriyet-Unterstützer in den Redaktionsräumen in Istanbul Anfang November.

(Foto: AFP)

Von den freigelassenen Journalisten haben wir erfahren, was der Staatsanwalt wissen wollte: "Warum habt ihr so eine Nachricht veröffentlicht?" "Warum habt ihr so getitelt?" "Warum habt ihr das hervorgehoben?" Der Staatsanwalt beschuldigte uns also mit nichts anderem, als Journalisten zu sein. Die Worte des Politikwissenschaftlers John Keane fassen unsere Lage zusammen: "Manche wollen nicht, dass manche Dinge irgendwo veröffentlicht werden. Diese Dinge nennt man Nachrichten."

Solidarität, was bist du schön

Am zehnten Tag konnten unsere Anwälte unsere inhaftierten Freunde besuchen. So erfuhren wir, wie deren größte Sorge lautete: Wie es uns und der Zeitung ergangen war.

Und wir hatten wirklich bemerkenswerte Tage erlebt. Kaum, dass die Nachricht über die Operation gegen uns bekannt geworden war, strömten Menschen zu unserer Zentrale in Istanbul und unserem Büro in Ankara: Politiker, Akademiker, Gewerkschafter, zivilgesellschaftliche Verbände, Studenten, Journalisten, Künstler, Berufskammern, Medien aus aller Welt, internationale Journalistenverbände, und - was am wichtigsten ist - unsere Leser. Alte, Kinder, Frauen, Männer ...

Diese Besuche gehen ununterbrochen weiter. Die Besucher schultern unsere Trauer und hinterlassen uns ihre Hoffnung. Manche bringen uns Kaffee, Kekse, Sandwiches, Kuchen, Schokolade, Früchte, Blumen, Vitamine, damit wir standhaft bleiben und nicht stürzen. Unsere Unterstützer wollen unsere Mägen füllen, sie wissen nicht, dass ihr Kommen, ihre Unterstützung unsere Herzen, Seelen und unser Widerstandsgefühl nährt.

In den Redaktionsräumen von Cumhuriyet Ende Oktober. Die Journalisten arbeiten weiter - trotz der Festnahme ihrer Kolleginnen und Kollegen.

(Foto: dpa)

Die Studenten, die abends in unserem Zeitungsgebäude arbeiten und morgens zu ihren Prüfungen gehen, sind die Garantie, dass das Leben weitergeht. Der etwa 50 Jahre alte blinde Herr Hüseyin, der tagelang keinen Schritt aus der Cumhuriyet rausgetan hat, ist die Garantie, dass unser Vertrauen in den Journalismus nicht erschüttert und unser Widerstand erfolgreich sein wird. Die Nachricht unserer Freunde aus dem Gefängnis - "Uns geht es gut, lasst es euch auch gut gehen" - ist die Garantie, dass wir in unserem Beruf, im Journalismus, gewinnen werden. Die Kollegen, die sich schon am ersten Tag versammelt haben, ihre "Journalisten-Mahnwache" für die Cumhuriyet, sind die Garantie für Meinungsfreiheit. Die Musiker, die jeden Abend den Garten unserer Zeitung zu einer Konzertbühne machen, sind die Garantie unserer Freude.

Nur eines fehlt uns

Nur eine Garantie fehlt uns: die Pressefreiheit. Wir Bürger dieses Landes brauchen die Meinungs- und Pressefreiheit, die für jedes demokratische Land unverzichtbar ist. Um in Ruhe unserer Arbeit nachgehen zu können, müssen wir einfach nur Journalisten bleiben. Wir müssen für jene eine Stimme sein, die keine haben, wir müssen die Tatsachen berichten und aufschreiben. Unsere Arbeit ist schwer, der Druck ist groß, die Bedrohungen ernst. Aber nichts davon wird uns abhalten. Die Nachricht unseres Chefredakteurs Murat Sabuncu, die er aus der Haft geschickt und damit unsere Augen mit Tränen gefüllt hat, ist eigentlich der Grundsatz von jedem, der bei der Cumhuriyet arbeitet: "Wir werden uns nur unserem Volk und unseren Lesern beugen!"

Die Redaktion der Cumhuriyet

Die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei ist in höchster Gefahr, die Lage dramatisch. Journalistinnen und Journalisten werden systematisch zum Schweigen gebracht, Medien geschlossen oder auf Staatslinie getrimmt.

Zum "Writers-in-Prison-Day" an diesem Dienstag setzen deutsche Tageszeitungen und Online-Medien gemeinsam ein Zeichen. Sie protestieren damit gegen die Verfolgung der Kolleginnen und Kollegen.

Aus Solidarität mit den Verfolgten veröffentlichen die unten stehenden Medien parallel einen Text, den die Redaktion der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet geschrieben hat. Cumhuriyet steht derzeit besonders unter Druck, zahlreiche Mitarbeiter aus Verlag und Redaktion wurden bereits verhaftet, andere ins Exil getrieben.

Der Text der türkischen Journalistinnen und Journalisten endet mit der Grundüberzeugung der Redaktion, die Chefredakteur Sabuncu in der Haft formuliert hat: "Wir werden uns nur unserem Volk und unseren Lesern beugen!"

Die Übersetzung der Texte besorgten Timur Tinç und Deniz Yücel.

Teilnehmende Zeitungen:​

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Hier die türkische Originalversion des Textes der Cumhuriyet-Redaktion:

Militärputsch in der Türkei "Sonsuza kadar Cumhuriyet: Teslim olmayız"
Türkiye'de medya

"Sonsuza kadar Cumhuriyet: Teslim olmayız"

Tutuklamalar, aramalar, terör suçlamaları - "Cumhuriyet" gazetesinin elemanları korku içinde yaşıyor ve çalışıyor. Türkiye'deki zorlu basın özgürlüğünün çabası hakkında burada haber veriyorlar.   Cumhuriyet gazetesinin yazı işleri