bedeckt München 29°

Prantls Blick:Waren Sie heute in der Kirche?

Weihnachtsgottesdienst im Hamburger Michel

Festgottesdienst im Hamburger Michel.

(Foto: dpa)

Vom Stellenwert der Religion in Deutschland. Und wie "christliche Werte" heute missbraucht werden.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, mit politischen Themen, die in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant sind. Hier können Sie "Prantls Blick" als wöchentlichen Newsletter bestellen - mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Erinnern Sie sich an das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz? Nach diesem Duell, nach diesem Sonntagabend, waren sich fast alle einig: Da gab es nichts Bemerkenswertes. Aber das stimmt nicht ganz. Eine Frage machte damals Furore. Die Frage der Moderatorin Maischberger lautete: "Waren Sie heute in der Kirche?" Man hielt die Luft an, denn da hätte Maischberger auch gleich fragen können: "Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?" So unanständig ist es, öffentlich nach dem Religiösen zu fragen. Entsprechend verdruckst war die Reaktion der Gefragten. Merkel gab mit niedergeschlagenen Augen zu: "Nein, ich war nicht in der Kirche". Und Schulz stotterte etwas vom Besuch am Grab seines Freundes Schirrmacher, wo es in der Nähe auch eine Kapelle gebe. Da konnte Merkel glücklicherweise nachlegen mit dem Besuch von Vaters Grab und Kirche am Vortag. Gerettet. Waren Sie heute in der Kirche? Wenn man diese Frage an den Weihnachtstagen stellt, ist die Antwort nicht so verlegen wie sonst und nicht so stotternd wie bei Merkel und Schulz. Die Christmette und der Weihnachtsgottesdienst gehören zum schönen Ritual auch für die, denen die christliche Kirche sonst wenig bedeutet.

Ein multireligiöses Land

Es ist so: Die religiösen Verankerungen, die institutionelle Bindung und die Traditionssicherheit werden schwächer. Deutschland ist ein multireligiöses Land geworden. 1950 gehörten 96 Prozent der Bevölkerung in den beiden deutschen Staaten der evangelischen oder der katholischen Kirche an. Nur vier Prozent waren entweder konfessionslos oder Mitglieder nicht-christlicher Religionsgemeinschaften. Heute sieht die Verteilung grundlegend anders aus. Noch knapp 60 Prozent zählen zur evangelischen oder katholischen Kirche. 30 Prozent sind konfessionslos; zehn Prozent gehören anderen Religionsgemeinschaften an - die Hälfte davon sind Muslime. 100 000 Mitglieder zählen die jüdischen Gemeinden. Deutschland ist ein buntes Land. Ob man das nun Multikulturalität oder sonst wie nennt, ist egal. Es geht im Einwanderungsland Deutschland darum, Heterogenität als Normalität nicht nur zu ertragen, sondern zu akzeptieren und zu respektieren - auf der Basis der Grundrechte.

Die politische Relevanz von Religion nimmt zu, die ausgeübte Religiosität nimmt ab

Es wurde in den vergangenen Jahren immer wieder die "Wiederkehr der Religion" behauptet und der Säkularisierungsthese widersprochen. Aber um diese Behauptung wird es stiller. Es gibt zwar ein großes Interesse an Religion; viele fragen: Wie begegnet man dem Islam und dem Islamismus? Viele fragen auch: Was reitet bloß einen Donald Trump, wenn er die evangelikalen Hardliner und Evolutionsleugner unterstützt? Und man schüttelt den Kopf über die Verbandelung der orthodoxen Kirche mit Putin. Ich denke, es ist so: Über Religion und Religionen wird zwar viel diskutiert, aber die Diskussion über Religion ist nicht zu verwechseln mit ausgeübter Religiosität; die ausgeübte Religiosität nimmt ab. Die Säkularisierung und Entfremdung von gelebter Religion schreitet fort, aber die politische Relevanz und die Politisierung von Religion nimmt zugleich zu.

Mit Werten wird Abwertung betrieben

Es ist sonderbar: Je mehr den Leuten hierzulande der Appetit aufs Christentum vergeht, desto mehr Geschmack finden einige an christlichen Werten, kurz "unseren" Werten, wie es dann heißt, den Werten des so genannten "christlichen Abendlandes". Diese Werte werden dann mehr beschworen als erklärt: Man zieht Grenzen, um sie zu schützen, Grenzen zwischen den Staaten, Grenzen zwischen den Kulturen, Grenzen zwischen den Religionen, Grenzen der Belastbarkeit, Grenzen des Mitleids. Wenn es um Werte geht, wird der Ton immer öfter rau. Auf die eigenen Werte wird gepocht, um auf Menschen zu dreschen, die fremd sind. Werte werden verteidigt, um zu unterscheiden in "wir" und "die". Mit Werten wird gedroht. Wer sie nicht einhält, soll bestraft oder ausgewiesen werden. Werte werden wie Schlagstöcke eingesetzt. Mit Werten wird Abwertung betrieben. Die "christlichen Werte" werden zur Vokabel im Wörterbuch der Ausgrenzung und des Hasses. Ich möchte gern darüber nachdenken, wie wir friedlich und in Respekt zusammenleben können. Das ist mir wirklich viel wert. Aber es ist mir zuwider, wenn vermeintlich christliche Werte dazu benutzt werden, Vorbehalte und Vorurteile zu schüren. Gibt es überhaupt christliche Werte? Welche sind das? Wenn es einen christlichen Wert gibt, dann ist es - das darf, das muss man an Weihnachten so deutlich sagen - die Liebe. Man kann sie auch Solidarität nennen, denn mit Liebe ist in der Bibel keine Gefühligkeit gemeint. Christliche Liebe ist auch keine allgemeine Menschenliebe. Jesus sagt in der Bergpredigt: Diese Liebe ist konkret.

Das Erbe der Religionen

Keine Gesellschaft kommt ohne das Religiöse, ohne Glauben aus - Glauben freilich nicht im Sinne eines Katechismusglaubens, sondern als unhinterfragbare Gewissheit, die alle teilen, und die nicht zur politischen Disposition gestellt werden kann. Auch ein säkularer Staat ist deshalb nicht ohne Elemente des Religiösen, ohne ein ziviles Glaubensbekenntnis, ohne identitätsstiftende Rituale denkbar. Diese werden in Feier- und Gedenkveranstaltungen zelebriert, die nach einer bestimmten Liturgie ablaufen. Bekannt wird dort zum Beispiel der Glaube an die Stärke des Rechts, der Glaube an die Gleichheit aller Menschen, der Glaube an die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen. Diese Gewissheiten sind ein Erbe der Religionen, auch wenn sie bisweilen gegen sie behauptet werden mussten. Eine Demokratie lebt vom Glauben an sie. Nicht nur die Kirchen, auch die Demokratie steckt im Moment in einer Glaubenskrise. Die demokratischen Grundgewissheiten erleben gerade schlechte Zeiten. Meine Hoffnung für 2018: dass das wieder besser wird; dass der Boden der demokratischen und rechtsstaatlichen Grundgewissheiten wieder stabiler wird.

© SZ.de/mane
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB