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Prantls Blick:Der Mann, den kaum einer kennt - der aber Deutschland verändert hat

Jürgen Micksch mit Aiman Mazyek (links, Zentralrat der Muslime) Rabbiner Henry Brandt (rechts)

(Foto: Stephan Rumpf)

Als es das Wort "Influencer" noch gar nicht gab, war er schon einer. Jürgen Micksch hat Pro Asyl gegründet, die Wörter "multikulturelle Gesellschaft" und "ausländischer Mitbürger" erfunden - und die Obdachlosenzeitung "Biss". Nun wird er 80 Jahre alt.

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Qie viel Kraft muss einer haben, der seit mehr als vierzig Jahren die härtesten Bretter bohrt, die es in Deutschland gibt? Wie muss einer gebaut sein, der seit Jahrzehnten mit beharrlicher Energie für ein humanes Ausländerrecht und einen guten Umgang mit Flüchtlingen kämpft? Und welches Gemüt braucht ein Pfarrer, den viele Politiker, ja selbst seine Kirchenoberen als nervigen Spinner abgetan haben - bis sie dann irgendwann doch noch anfingen, seine Vorschläge näher zu betrachten?

Ein Geburtstagsbrief

Er war kein Minister, kein Staatssekretär, kein CEO. Aber er hat womöglich mehr verändert als solche Hierarchen. Der Mann, von dem ich hier rede, hat, unter anderem, Pro Asyl gegründet, er war zweieinhalb Jahrzehnte lang Herz und Kopf dieser Flüchtlingshilfsorganisation. In der kommenden Woche, am Mittwoch, wird er achtzig Jahre alt. Sein Name: Jürgen Micksch, evangelischer Theologe.

Bei der Gründung von Pro Asyl war er Mitte vierzig und Ausländerreferent der Evangelischen Kirche Deutschlands, er arbeitete als Vizedirektor der Evangelischen Akademie in Tutzing am Starnberger See. Flüchtlinge wurden damals "Asylanten" und "Scheinasylanten" genannt; und seitdem 1980 erstmals mehr als hunderttausend Flüchtlinge in die Bundesrepublik gekommen waren, sprach man in der Politik von einer "Asylantenschwemme". Damals wollte Jürgen Micksch zunächst so etwas wie einen deutschen Flüchtlingsrat einrichten. Daraus wurde dann "Pro Asyl".

"Vergessen Sie's!"

Als erstes besprach er sich seinerzeit mit seinem katholischen Kollegen, der ihm umstandslos riet: "Vergessen Sie's!" Micksch suchte sich andere Verbündete. Die Caritas warnte ihn: Er solle seinen Plan aufgeben, die Zeit sei nicht reif, er würde mit "so etwas" nur die Politik verärgern. Vom Diakonischen Werk kam die Mitteilung, man werde ihn nicht unterstützen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände beschloss, ihren Mitarbeitern eine Mitwirkung bei Pro Asyl zu verbieten. Der zuständige Referent des Bundesvorstands der SPD informierte Micksch triumphierend davon und sagte, dass Pro Asyl nun "einpacken" könne.

Die Leute vom Roten Kreuz oder der Arbeiterwohlfahrt kamen trotzdem zu den Sitzungen und mussten dafür einen Urlaubstag in Anspruch nehmen. Heute hat Pro Asyl gut zwanzig hauptamtliche Mitarbeiter, der Förderverein Pro Asyl zählt mehr als 25 000 zahlende Mitglieder.

Ein moderner Missionar

Als es das Wort "Influencer" noch lang nicht gab, war Jürgen Micksch schon einer. Er hat seinen Einfluss allerdings nicht, wie die Influencer heute, für Kommerz, Werbung und Vermarktung genutzt, sondern dafür, Politik und Gesellschaft zu verändern. Das ist ein großer Satz, aber er stimmt. Micksch hat sich um die religiösen Minderheiten schon gekümmert, als die deutschen Innenminister "Integration" noch für ein unanständiges Wort hielten.

Wäre es nach Micksch gegangen, gäbe es die deutsche Islamkonferenz nicht erst seit 2006, sondern schon seit 1990. So wie ihn stelle ich mir einen modernen Missionar vor: Jürgen Micksch ist, ohne dass er missionarisch auftritt, ein Missionar für Menschenrechte und für das Miteinander: für das Miteinander der Menschen, für das Miteinander der Religionen.

Wandel durch Kontakte

Micksch hat das Wort "ausländischer Mitbürger" erfunden und die "interkulturelle Woche". Er hat den "interkulturellen Rat" aus der Taufe gehoben und das "Abrahamische Forum", in dem Juden, Christen, Muslime und die Mitglieder der kleinen, aber weltweit verbreiteten Religion der Baha'i miteinander reden: "Vier Religionen, aber immer der gleiche Gott", so erklärt Micksch Journalisten geduldig.

"Wandel durch Kontakte" hat Micksch eine Schrift genannt, die er soeben publiziert hat und in der er die vielen Gründungsgeschichten seiner Vereine, Initiativen und Stiftungen erzählt. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass es die "Internationalen Wochen gegen den Rassismus" gibt, an denen sich anfangs fast niemand beteiligen wollte, weil es ja, wie viele sagten, keinen Rassismus in Deutschland gebe. Erst seit der Aufdeckung der Mordserie des NSU wird auch offiziell nicht mehr bestritten, dass es Rassismus in Deutschland gibt.

Wie schafft einer das alles? Er braucht den Glauben an die Kraft des Guten, wie sie diesen Jürgen Micksch prägt. Er braucht die unerschütterliche Herzlichkeit, wie sie diesen Jürgen Micksch auszeichnet. Und er braucht wohl auch das Gottvertrauen eines Christenmenschen, wie es dieser Jürgen Micksch hat, der von Beruf evangelischer Pfarrer ist und von Berufung Optimist. Er ist ein ruhiger, wunderbar freundlicher Mann, das Gegenteil eines Agitators - aber beharrlich und fest in seinen Zielen.

Ein Mann mit Biss

Jürgen Micksch hat übrigens auch maßgeblich daran mitgewirkt, dass 1993 erstmals in Deutschland eine Obdachlosenzeitung namens Biss erschien. Und immer war der in Breslau geborene, mit seiner Mutter im Alter von vier Jahren nach Bayern geflohene Theologe und Soziologe ein politischer Wegmacher, ein realistischer Träumer, ein Organisator und Optimist.

Diesen Optimismus hat er vielleicht von Heinz Rühmann. Mit ihm stand der kleine Micksch auf der Bühne - er war Mitte der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts ein Kinderstar. 1954 spielte er im Kindermärchenfilm "Hänsel und Gretel" den Hänsel, im gleichen Jahr in Roberto Rosselinis "Angst" den Sohn von Ingmar Bergman. "Warten auf Godot" gehört, wie Micksch mir einmal sagte, zu seinen Lieblingsstücken. Er spielte, unter der Regie von Fritz Kortner, zusammen mit Heinz Rühmann in den Kammerspielen, "Warten auf Godot". Das hat etwas mit dem Nichtaufgeben zu tun, mit dem Immer-Wieder-Weitermachen. Das passt zum Leben des Jürgen Micksch.

Dieser Brief ist ein Geburtstagsbrief, eine Laudatio, eine respektvolle Verbeugung vor einem Mann, der viel bewegt hat. In unruhigen Zeiten brauchen wir solche Vorbilder. "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es": Der Satz steht in Erich Kästners Lyrischer Hausapotheke aus dem Jahr 1936. Er gilt auch heute noch.

© SZ/dit
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