Prager Fenstersturz 1618:Legenden ranken sich darum, wie die Männer den Fenstersturz überstanden

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Als 1648 der Westfälische Frieden geschlossen wird, sind etwa acht Millionen Menschen tot. Mitteleuropa ist weitgehend verwüstet - und die Tschechen sind dazu verdammt, bis 1918 ein Anhängsel Wiens zu bleiben.

Am Anfang aber steht der Prager Fenstersturz. Die Wirkmächtigkeit der "Defenestrierung" ist vergleichbar mit den Schüssen, die 1914 in Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger abgegeben wurden und den Ersten Weltkrieg auslösten.

Einen signifikanten Unterschied gibt es allerdings: Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie starben bei dem Attentat - die drei Rausgeworfenen von Prag überlebten zur allgemeinen Überraschung ohne bleibende Schäden.

Prager Fenstersturz 1618: Die Nachfahren von Jaroslaw Borsita von Martinic leben bis heute auf Burg Clam in Österreich.

Die Nachfahren von Jaroslaw Borsita von Martinic leben bis heute auf Burg Clam in Österreich.

(Foto: Mauritius Images)

Wie so etwas möglich ist, darüber gehen die Meinungen seit jeher auseinander. Sowohl die katholische als auch die protestantische Propaganda bieten damals sofort Erklärungen an.

Martinic schreibt seine Rettung der Jungfrau Maria zu, die Slavata in einem Votivbild verewigen lässt: Die drei frommen Katholiken schweben mit Hilfe von Engeln sanft zur Erde, die Muttergottes und das Jesuskind in ihrem Arm sehen dabei zu. Das vermeintliche Gotteswunder vom Hradschin zahlt sich in den Kriegsjahren abermals aus: Die Geschichte wirkt in den Reihen der Katholiken motivierend.

Schiller und der Misthaufen

Die Protestanten hingegen setzen die Version in die Welt, wonach Unrat den Sturz gebremst haben soll, nach dem Motto: Wenn die Katholiken schon überlebt haben, dann auf möglichst ekelhafte Weise.

In den Hirnen verankert ist diese Variante dank Friedrich Schiller, der dazu schreibt: "Ein Misthaufen, auf dem die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet." Gustav Struve, der radikaldemokratische Revolutionär von 1848/49, behauptet in seiner "Weltgeschichte", dass Martinic, Slavata und Platter auf "alte Papiere und Dünger" gefallen seien.

Carl Philip Clam-Martinic, das heutige Oberhaupt der Familie, hat eine andere Erklärung. Durch die weiten Pluderhosen und Mäntel sei die Fallgeschwindigkeit verlangsamt worden, sagt der Graf. In der Familie sind weitere Details zum Fenstersturz von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Demnach rief Martinic beim Hinabfallen nach Maria und kam unverletzt an der Seite des Grabens an. Schreiber Platter hingegen sei in den Graben gefallen und habe laut vor Schmerz geschrien, sagt Clam-Martinic. "Jaroslaw ist zu ihm runtergerollt und hat sich dabei mit dem Arm in der Aufhängung seines Schwertes verheddert" - knack, der Knochen war durch.

30 Jahre Krieg

Wenige Menschen in Mitteleuropa hätten sich im Januar 1618 vorstellen können, welcher Horror über sie hereinbrechen und dass dieser drei Jahrzehnte währen sollte. Eigentlich herrschte Frieden, und der Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte es ermöglicht, dass Katholiken und die neue Konfession der Protestanten zumindest in Koexistenz lebten. Doch religiöser Fanatismus und die Konkurrenz der Mächte ließen die Spannung steigen, und am 23. Mai 1618 entlud sie sich. Böhmen, zu gut 90 Prozent protestantisch, stand unter der Herrschaft des katholischen Habsburger Kaisers, der ihre Rechte zunehmend beschnitt. Wütende Protestanten stürmten die Prager Burg und warfen die kaiserlichen Statthalter aus dem Fenster. Der böhmische Aufstand scheiterte 1620 mit der Schlacht am Weißen Berg, doch zog der Krieg mit der Gewalt einer Lawine immer neue Mächte mit sich. In dem schier endlosen Gemetzel ("Der Krieg ernährt den Krieg"), der erst 1648 mit dem Frieden von Münster und Osnabrück endete, kamen etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung durch Hunger, Seuchen und Gewalt um.

Vor dem 400. Jahrestag des Kriegsbeginns sind zahlreiche Bücher über das Drama erschienen. Lesetipps: Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg, Europäische Katastrophe, deutsches Trauma, Rowohlt Berlin. Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse, C. H. Beck. Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg - Eine europäische Tragödie, Theiss Verlag.

Die weitere Rettung kam laut Familiengeschichte dank Polyxena von Lobkowicz zustande. Die Ehefrau des böhmischen Oberstkanzlers sei unterhalb der Prager Burg aufgetaucht, sie habe Martinic und dem vom Sturz benommenen Slavata mit ihrem weiten Mantel Sichtschutz gegeben.

Dann habe sie die beiden in ihrem nahegelegenen Palais untergebracht und die Verfolger vor der Tür abgewimmelt. "Diese Geschichte wird seit Generationen jedes Mal erzählt, wenn ein Martinic auf einen Lobkowicz trifft", sagt Carl Philip Clam-Martinic. Die Variante vom Misthaufen hält er für Mumpitz.

Der Nachfahre hat wohl recht. Das Fenster liegt auf der Seite der Prager Burg, die der Moldau und der Altstadt zugewandt ist und bald steil abfällt. Heute kann man dort durch gepflegte Gartenanlagen flanieren.

Pferdeställe existierten hier wohl auch früher nicht: Platz gibt es wenig, und vor allem ist es nicht plausibel, dass sich damals ausgerechnet an dieser Stelle ein stinkender Haufen befunden haben soll: Direkt darüber war die Staatskanzlei, nebenan der repräsentative Wladislaw-Saal.

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