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Präsidentschaftswahl in Frankreich:Hässliche Stichwahlszenarien

Dass Le Pen dagegen in die Stichwahl kommen wird, daran lässt er keinen Zweifel. Die Stichwahl ist für ihn ein großes Dilemma. Hässliches Szenario Nummer eins: Es kommt zu einer Abstimmung zwischen dem republikanischen Kandidaten François Fillon und Marine Le Pen. Eribon würde die Wahl boykottieren. Dem "Gauner und Banditen" Fillon könne er genau so wenig seine Stimme geben wie der rechtsradikalen Parteichefin.

Hässliches Szenario Nummer zwei: Überflieger Emmanuel Macron tritt am 7. Mai gegen Le Pen an. Dieses Szenario scheint Eribon fast noch mehr zu beunruhigen als das erste. Macron, der es in den vergangenen Monaten siebenmal auf die Titelseite des Nouvel Observateur geschafft hat. Der in den Medien omnipräsent zu sein scheint. Und der in Deutschland sogar noch mehr gefeiert werde als im eigenen Land, wie Eribon sagt.

"Wir übertreiben es mit dem Nationalstolz"
Protokolle

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Macron sei "Hollande in schlimmer", befindet der Soziologe. Als Wirtschaftsminister unter Präsident François Hollande habe er die Arbeitsmarktreformen unterstützt, die vor allem Unternehmen entlasten sollten und gegen die es große Demonstrationen in Paris gab. Zudem habe Macron die "Iron Lady" Margaret Thatcher einmal als Glücksfall für die Briten bezeichnet, sagt Eribon. Macron mit seiner neoliberalen Ausrichtung der Sozialdemokratie sei schlussendlich genau Teil des Phänomens, das den Aufstieg Le Pens ermöglicht habe.

Eribon bezeichnet beide, Macron und Le Pen, als Paar. Und schiebt schnell hinterher: "Natürlich nicht als echtes." Doch beide würden sich gegenseitig bedingen. An entgegengesetzten Polen würden sowohl der "En Marche!"-Begründer als auch die Rechtsradikale ein und dasselbe System abbilden. Eben das System, in dem die Arbeiter ihre Interessen nicht mehr wiederfänden (Macron) und sich als Reaktion darauf, fremdenfeindlichen und nationalistischen Erklärungsmustern zuwendeten (Le Pen).

Der kluge Analyst drückt sich

Insofern, so Eribons Folgerung, könne er auch nicht für Macron stimmen - selbst in einer Stichwahl gegen den FN nicht. "Wer Macron wählt, wählt Le Pen." Käme es jetzt zu einer Präsidentschaft Macrons, sei bei den nächsten Wahlen in fünf Jahren ein Sieg Le Pens vorgezeichnet. Die sich verraten fühlenden Arbeiter würden sich noch stärker dem Front National zuwenden.

Mit seiner Zuspitzung trifft Eribon einen Nerv, der zum Grundproblem der Linken in Frankreich zurückführt. Er analysiert schonungslos und zeigt sich als kluger Analyst. Politische Verantwortung dafür, bei der Stichwahl notfalls auch gegen eigene Überzeugungen das kleinere Übel zu wählen und damit Le Pen zu verhindern, sollen aber offenbar andere übernehmen.

Politik, fügt Eribon hinzu, werde ja nicht nur bei Wahlen gemacht. Politik werde im alltäglichen Zusammenspiel von Verbänden, Gewerkschaften oder Initiativen gelebt. Dass der Rahmen, in dem sich all das abspielt, von der Politik bestimmt wird, verschweigt Eribon.

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