bedeckt München

Pflegeversicherung:Privat oder Staat

Der Verband der Privaten Kranken­versicherung will, dass junge Menschen ihre "Pflegelücke" mit privaten Zusatz­policen schließen. Aus der Politik kommt Kritik.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Kordula Schulz-Asche, 62, Pflegeexpertin der Grünen, kritisiert den Vorschlag, Kassenpatienten sollten für die Pflege privat vorsorgen. Die bestehenden Probleme würden so verschärft.

(Foto: S. Kaminski/oh)

Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) fordert eine Reform der Pflegeversicherung, bei der sich jüngere Frauen und Männer künftig stärker privat absichern sollen als bisher. Mit Zusatzpolicen sollen Kassenpatienten "ihre persönliche Pflegelücke schließen", sagte Verbandschef Florian Reuther am Mittwoch in Berlin. Auf diese Weise könnten langfristig die Beiträge zur Pflegeversicherung für alle Kassenpatienten stabil bleiben, statt aufgrund des demografischen Wandels anzusteigen. Reuther forderte die Bundesregierung auf, Pflege-Zusatzversicherungen durch Steuerentlastungen für Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber zu fördern. Ziel sei "ein Paket, das Jüngere veranlasst, Eigenvorsorge zu betreiben".

Wer heute bereits älter ist, soll dem Modell des Verbands zufolge weiterhin mehr Unterstützung erhalten. Die heute über 80-Jährigen bekämen die meiste Hilfe; die nachfolgenden Jahrgänge erhielten schrittweise etwas weniger Pflegeleistungen. Sobald die Geburtsjahrgänge 1955 bis 1965, die sogenannten "Babyboomer", im Ruhestand seien, könne die Solidarleistung auslaufen. Denn die nachkommenden Versicherten wären durch eine zusätzliche private Vorsorge abgesichert, erklärte der Verbandschef.

Mit diesem Modell bringen die privaten Krankenversicherungen einen Gegenvorschlag zu einer Pflege-Bürgerversicherung, wie sie derzeit SPD und Grüne fordern. Zuletzt hatte der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung untersucht, wie sich ein solcher Umstieg von einer Teilabsicherung auf eine Pflegevollversicherung auswirken würde. Sein Ergebnis: Für die große Mehrheit der Versicherten und der Arbeitgeber seien die zusätzlichen Kosten überschaubar, wenn die Pflegeversicherung künftig als Bürgerversicherung ausgestaltet würde - also ganz ohne Privatversicherte. Rund 72 Millionen Menschen in Deutschland sind heute gesetzlich pflegeversichert, knapp neun Millionen privat.

Die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, kritisierte das Modell der Privatversicherungen. Deren Vorschläge seien "nicht neu, sondern ein Abklatsch des bereits gescheiterten Pflege-Bahr"; der nach dem ehemaligen Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) benannten, staatlich geförderten Zusatzversicherung. Die Umsetzung der Vorschläge würden die bestehenden Probleme nur verschärfen. Laut PKV wurden bis heute lediglich etwa 900 000 der Bahr-Policen abgeschlossen.

© SZ vom 24.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite