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Pädophilie-Vorwürfe gegen die Grünen:"Das bildest du dir nur ein"

Die Wurzel des linken Verdrängens und Leugnens sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche reicht bis ins Jahr 1897 zurück. "Teurer Wilhelm!", schreibt Sigmund Freud am 21. September an Wilhelm Fließ und vertraut ihm "das Große Geheimnis" an, "das mir in den letzten Monaten langsam gedämmert hat": die Geschichten über sexuelle Gewalt, die ihm seine Patientinnen erzählt haben, hält Freud nicht mehr für echt, sondern für Produkte des Unbewussten, der Aggressions- und Begehrensfantasien gegen Vater und Mutter, des Ödipuskomplexes.

Es ist eine radikale Wende. 17 Monate zuvor hat Freud vor seinen Kollegen im Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien noch die Ansicht vertreten, dass Neurosen durch "infantile Sexualszenen" entstehen, durch sexuelle Traumata also, deren Wunden die Kinder ins spätere Leben tragen. Die Kollegen hätten eisig reagiert, berichtet Freud. Dass die Folgen sexueller Gewalt erst viele Jahre später sichtbar werden und die Betroffenen davon nur erzählen, wenn sie einen ermutigenden Zuhörer finden - das ist den anwesenden Herren unvorstellbar. Sie misstrauen fortan diesem merkwürdigen Freud.

Erst als der 1905 seine "Verführungstheorie" offiziell widerruft, ist der Weg frei für den großen Durchbruch. Die Sexualität und das Unterbewusste bestimmen das Leben des Menschen, und wer sich selber erkennen und von Zwängen befreien will, muss sich dem stellen - das ist Sigmund Freuds bahnbrechende These. Doch sie verdrängt den Gedanken, dass auch wahr sein kann, was da gesagt wird. "Das bildest du dir nur ein" - mit diesem Satz bleiben Missbrauchsopfer bis in die Neunzigerjahre hinein allein.

Wilhelm Reich, der eigenwillige Freud-Jünger und antistalinistische Marxist, vertritt in den Dreißigerjahren die These, dass Triebunterdrückung, autoritärer Charakter und faschistische Diktatur zusammengehören, dass es also ohne sexuelle Befreiung keine freie und gleichberechtigte Gesellschaft geben kann. Reich flieht vor den Nazis in die USA, in Deutschland ist er nahezu vergessen, bis die Studentenbewegung ihn entdeckt: Die sexuelle und die politische Revolution gehören zusammen.

Sollen wir nun die Kinder zusehen lassen, wenn wir miteinander schlafen?

Sex ist politisch und damit nicht mehr intim, sondern öffentlich. Hat nicht tatsächlich die NS-Ideologie das Bild des asexuellen Kriegers gezeichnet, der zeugt, sich aber nicht der Lust hingibt? Passt nicht die sexuelle Verklemmung der Fünfziger zur politischen Doppelmoral einer Zeit, in der alte Nazigrößen wieder Karriere machten? Das Foto der nackten Hintern der Kommune-1-Bewohner wird zur bildgewordenen Reich-Rezeption. Und rechts an der Wand steht ein Kind und schaut sich interessiert die Erwachsenen von vorne an.

Die sexuelle Revolution, die Veränderung der Beziehungs- und Familienstrukturen, ist die wahre Umwälzung dieser Zeit; sie wirkt viel tiefer als alle Vietnam-Demos und "Enteignet Springer"-Kampagnen. Auch ziemlich bürgerliche Menschen reden auf einmal über Sex; Homosexualität und Liebe zwischen Menschen unter 21 wird straffrei, es gibt ein neues Scheidungsrecht. Aufgeklärt soll die Gesellschaft werden, und das fängt bei den Kindern an, da sind sich Pädagogen und Psychologen einig. Und Eltern, die sich bis dahin selber kaum nackt gesehen haben, fragen: Sollen wir nun die Kinder zusehen lassen, wenn wir miteinander schlafen?

Es kommt die Zeit der Aufklärungsbücher. "Zeig mal" heißt das berühmteste; es erscheint 1974 im Wuppertaler Jugenddienst-Verlag, der der evangelischen Kirche nahesteht. Man sieht einen nackten Jungen und ein nacktes Mädchen, viel Zärtlichkeit und auch einen erigierten Kinderpenis. Alles ist wunderbar ästhetisch fotografiert von Will McBride, der für die Bilder mehrere Preise erhält. Es gibt erbitterte Gegner, das Buch aber etabliert sich in der Mitte der Gesellschaft, die evangelische Kirche empfiehlt es genauso wie Pro Familia und die Gewerkschaft der Polizei.

Schaut man sich die Bilder heute an, wird einem blümerant, weil die Fotos nicht nur von der erwachenden und eigenen Sexualität von Kindern erzählen, sondern ahnen lassen, dass sich das Buch auch gut zur Befriedigung von Erwachsenenfantasien eignet - und man nicht unbedingt wissen will, wer alles die Liebhaberpreise von 100 und mehr Euro zahlt, zu denen heute "Zeig mal!" im Internet angeboten wird.

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