bedeckt München
vgwortpixel

Pädophilie-Debatte:Eine vergessene Diskussion

In den 1970er Jahren entwickelte sich eine heute offenbar vergessene oder verdrängte Diskussion um die Pädophilie. Kinder- und Jugendpsychiater wie Reinhart Lempp, Professor der Universität Tübingen, und der Sozialpädagoge und Sexualwissenschaftler Helmut Kentler von der Universität Hannover diskutierten ernsthaft, dass die betroffenen Kinder stärker durch die Reaktionen der Eltern und Gerichte belastet würden als durch den sexuellen Missbrauch. Sie forderten die Abschaffung des Sexualstrafrechts. Wichtige Medien veröffentlichten die als seriös geltenden Einschätzungen. Selbst das Bundeskriminalamt veröffentlichte 1983 eine Studie, derzufolge es harmlose Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern gebe, und solche mit Gewalt. (Die Studie wurde in den vergangenen Tagen von der BKA-Seite entfernt.)

Es gab heftige Ablehnung und Kritik an dieser Haltung, doch es wurde in der deutschen Gesellschaft öffentlich und ernsthaft diskutiert, dass sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern nicht zwingend ein Verbrechen sein müssen. Gerade die Grünen und die damaligen FDP-Jungdemokraten waren anfällig für diesen Bürgerrechtsliberalismus. So "bezog man sich gerne auf die Traditionsbestände radikaldemokratischer Forderungen und goutierte das Bemühen linksliberaler Reformkräfte im bundesrepublikanischen Bürgertum", schreiben Walter und Klecha auf Spiegel online. "Das schloss ein, Minderheiten aller Art in ihrer Façon zu lassen und sie vor 'Kriminalisierung' zu schützen."

Tatsächlich setzten sich die Wahlprogramme der Grünen damals aus einem Strauß von Forderungen unterschiedlicher Interessengruppen zusammen, die sich häufig für die Positionen der anderen wenig interessierten. So schlängelten sich "absurde und irrige Vorstellungen" in Bundes- und Landesprogramme hinein, wie Jürgen Trittin einräumt. Allerdings "nicht zu knapp", betonen Walter und Klecha. "Sie vagabundierten kräftig durch die linksalternativen Milieus", schreiben sie in der taz.

Die tolerante Haltung gegenüber Pädophilen hat sich nicht durchgesetzt, auch nicht bei den Grünen. Weil sie damals wie heute falsch war und ist. Anders als die gleichzeitig - und manchmal von denselben Personen - geforderte Entkriminalisierung der Homosexualität. Mit wachsendem Erkenntnisgewinn und zunehmender Abkehr von der strengen, religiös geprägten Sexualmoral der 1950er und 1960er Jahre konnte die Schwulenbewegung mit ihrem Engagement, unterstützt von liberalen politischen Kreisen, in der Gesellschaft einiges erreichen. Für die Pädophilie ist das Gegenteil der Fall. Und auch für die Grünen ist der Lernprozess spätestens seit 1989 beendet.

Vor diesem Hintergrund ist auch klar, dass sich das Verhalten der Partei nicht mit dem Missbrauchsskandal der katholischen Kirche vergleichen lässt. Hier wurde eine völlig falsche und gefährliche Forderung erhoben, eine Form von Verbrechen zu legalisieren. Dort wurden Verbrechen an Kindern in dem Bewusstsein begangen, dass es sich um Straftaten handelt, die danach vertuscht wurden.

Naiv, verwerflich - oder vielleicht sogar nachvollziehbar?

Wie schwer wiegt also das Versäumnis von Politikern wie Jürgen Trittin oder Christoph Strässer? Vielleicht hätten sie sich melden müssen, als am Beispiel von Daniel Cohn-Bendit über Pädophilie diskutiert wurde. Vielleicht aber wollten Trittin und Strässer abwarten, was bei der Untersuchung von Walter und Klecha herauskommen würde. Eine solche Studie stellt die individuellen Fehler in den Zusammenhang mit dem gesellschaftspolitischen Rahmen - und die Gefahr eines Skandals ist dann nicht so groß. Aber die Wissenschaftler haben ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem sie den Vorwurf des Verschweigens nun selbst über die Medien erhoben haben.

Die Frage ist nun, ob das Verhalten der beiden Politiker naiv, verwerflich - oder vielleicht sogar nachvollziehbar ist. Auch Stefan Klecha hat beide vor den Vorwürfen teilweise in Schutz genommen. Die Politiker hätten zwar nicht warten sollen, bis er und sein Kollege auf die Hinweise gestoßen wären. Aber die Kritik von mancher Seite und Rücktrittsforderungen gehen dem Politikwissenschaftler viel zu weit. "Teile der Union haben zum Beispiel die Colognia Dignidad in Chile unterstützt, in der gefoltert wurde und es sexuellen Missbrauch von Kindern gab", sagte Klecha Süddeutsche.de. Und in den 1980er Jahren war es nicht die CDU, die dafür eintrat, Vergewaltigung in der Ehe zu verbieten.

Auch die Grünen nun als Partei zu kritisieren, weil sie sich angeblich als Moralprediger und Erzieher der Gesellschaft gerieren, die den Balken im eigenen Auge nicht sehen wollen, ist fragwürdig. Die Partei selbst hat den Wissenschaftlern freie Hand gegeben bei der Analyse. Sie hat vor der Untersuchung eindeutig und unmissverständlich jede Form von Kindesmissbrauch als Verbrechen gebrandmarkt. Und sie wird sich vermutlich am Ende dafür entschuldigen, das Leid der Opfer von Kindesmissbrauch vor 1987 nicht ernst genug genommen zu haben. Signale, dass es aus den Kreisen der Juristen, Sozialpädagogen, Sexualwissenschaftler entsprechende Entschuldigungen geben wird, sind bislang nicht zu sehen.

Es gab Kritik daran, dass im Text behauptet wird, die Vergewaltigung der Frau in der Ehe sei in Deutschland legal gewesen. Tatsächlich lautete der betreffende §177. Vergewaltigung im StGB von 1973 bis 1997: "(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft." Betont werden muss hier der Begriff "außerehelich".

© Süddeutsche.de/mati/hum
Zur SZ-Startseite