bedeckt München

Bericht zur Pädophilie-Debatte der Grünen:Aufgeschlossen für Minderheiten jedweder Art

Eine breite Debatte über Straffreiheit habe es seit den sechziger Jahren gegeben. Sie wurde befeuert durch die 68er-Bewegung. Sexuelle Befreiung, sexuelle Revolution, das waren die Schlagworte. Wichtige Themen damals. Pädophile nutzten die Welle, gründeten Gruppen, Vereine. Mit der Gründung der Grünen 1980 glaubten viele, eine politische Heimat für ihre sexuellen Präferenzen gefunden zu haben.

Linksliberal und aufgeschlossen für Minderheiten jedweder Art, so sahen sich die Grünen in ihren Anfängen. Und nahmen unreflektiert alle auf, die sich auch so sahen. Normal sei das für junge Parteien, sagt Walter. Die CDU habe das ähnlich gemacht, heute die AfD, davor die Piraten. Erst mal wachsen, dann sehen, was da hineingewachsen ist.

Die Grünen aber hätten die "Verrücktheiten" dieser Minderheiten nicht nur toleriert, kritisiert Walter. Sie hätten sie über einige Jahre hinweg sogar "veredelt", indem ihre Thesen in der Programmatik der Partei auftauchten. Und ihre Wortführer hohe Parteiämter besetzten.

Dennoch: Aus Walters Sicht ist die Rolle der Grünen Anfang der achtziger Jahre "das Finale einer Entwicklung. Nicht der Höhepunkt, nicht der Mittelpunkt." Sex mit Kindern wird bald nach dem Aufkommen der Grünen gesellschaftlich geächtet.

Papiere in irgendeiner Kiste

Parteichefin Peter sagt heute: "Wir sind den inakzeptablen Forderungen nicht in der nötigen Konsequenz entgegengetreten." Dafür trage die Partei "eine historische und moralische Verantwortung".

Abgeschlossen ist die Aufarbeitung mit dem Bericht nicht, sagen Walter und Peter. Die Grünen haben eigens eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die den Bericht jetzt analysieren will. Seit August 2014 ist eine Telefonleitung und seit Dezember 2013 eine E-Mail-Adresse für Missbrauchsopfer geschaltet. Bisher sei aber kein Kontakt dabei gewesen, der auf einen Missbrauch im direkten Umfeld der Partei hindeutet, sagt Peter. Auf dem Bundesparteitag, der in weniger als zwei Wochen in Hamburg beginnt, wird es eine eigene Debatte zum Thema geben.

Danach geht es weiter. Auch weil neue Informationen hochgespült werden könnten. Opfer, die doch plötzlich reden wollen. Papiere, die irgendwer in irgendeiner Kiste findet.

Was den Grünen vielleicht erst so langsam bewusst wird: Sie haben ihre Unschuld verloren. Es wird kein Parteijubiläum mehr gefeiert werden können, ohne dass die Pädophilie-Debatte aus der Frühzeit der Partei ein Thema sein dürfte. Es gibt aber einen Unterschied zu den früheren Debatten: Die Grünen sind jetzt vorbereitet.

© Süddeutsche.de/mane/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema