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Erster Weltkrieg im Trentino:Das Gemetzel von Valmorbia

Werk Valmorbia Erster Weltkrieg Trentino

"Hier lagen überall tote Soldaten", sagt Bergführer Michele Zandonati. Blick in den Graben in der Festung Valmorbia, wo Ende Juni 1916 bei Gefechten hunderte Soldaten starben.

(Foto: Oliver Das Gupta)

1916 toben um die österreichische Festung Valmorbia archaische Gefechte. Die einheimischen "Reichsitaliener" werden im Ersten Weltkrieg noch auf andere Weise terrorisiert.

Auf dem Weg zum Ort des großen Gemetzels lenkt Bergführer Michele Zandonati seinen Geländewagen durch eine blühende Landschaft. In vielen Kurven schraubt sich die Straße über Rovereto in das Vallarsa, das früher auch den deutschen Namen Brandtal trug. Vorbei rollt das Auto an üppigen Weinbergen und saftigen Weiden, vorbei an kleinen Dörfern und der Einsiedelei San Colombano, die seit 700 Jahren in einer steilen Felswand klebt.

In diesem Idyll herrschten einst Tod und Verwüstung, hier verliefen im Ersten Weltkrieg die Gefechtslinien zwischen Österreichern und Italienern. Die Gehöfte waren zerstört, die Felder lagen brach, immer wieder regnete es Granaten. Vor hundert Jahren, Ende Juni 1916, gab es hier besonders blutige Kämpfe um das Forte Pozzacchio, das die österreichischen Bauherren damals "Werk Valmorbia" nannten. Dorthin lotst der Bergführer seinen Besuch.

Rund um das Vallarsa tobten zwischen 1916 und 1918 heftige Gefechte. Auf dem benachbarten Monte Pasubio etwa kamen viele Tausend Soldaten um, manche nennen das Massiv auch "Menschenmühle". Im Gardasee dümpelten Minen vor Torbole, Geschütze feuerten Granaten auf Bergrücken und in Täler. Es waren drei infernalische Jahre in einer paradiesischen Landschaft.

"Es gibt zwei Versionen des Krieges", sagt Bergführer Zandonati. "Das Militär feiert die Helden." Aber die Wirklichkeit erzähle eine andere Geschichte: "Da gibt es nur Tragödie, eine große Tragödie." Von der Schweizer Grenze bis nach Friaul hatten sich nach Italiens Kriegseintritt 1915 die Gefechtslinien festgefressen.

Besonders betroffen war das Trentino, die Gebiete um die altehrwürdige Konzilsstadt Trento, zu deutsch Trient. Der alpine Landstrich zwischen Südtirol und dem Alpenausgang war auch damals italienischsprachig, gehörte aber zur Grafschaft Tirol und somit zur Habsburger-Doppelmonarchie.

Durch den Ersten Weltkrieg gerieten die Trentiner in eine dramatische Situation. Ihre Heimat wurde zum Kampf- und Aufmarschgebiet, die ökonomischen Grundlagen waren zerstört, die Handelsrouten auch. Die italienischsprachigen "Welsch-Tiroler" selbst wurden von den Österreichern stets als potenzielle Verräter gesehen.

Das Misstrauen wuchs immens, als sich immer mehr Männer weigerten, zum Kriegsdienst einzurücken. Im ersten Jahr des Waffengangs gegen Rom fertigten das Wiener Kriegsüberwachungsamt und das K.-u.-k.-Kriegsministerium eine Liste mit 9000 desertierten Trentinern an und solchen, die sich ins Ausland abgesetzt hatten.

Einige von ihnen gingen nach Italien und traten in die dortige Armee ein, wie etwa Cesare Battisti. Der österreichische Reichsratsabgeordnete wurde im Juli 1916 am Monte Pasubio von K.-u.-k.-Truppen gefangen. Die Gerichtsverhandlung war eine Farce, um seine Abgeordneten-Immunität scherte man sich nicht.

Wenig später wurde Battisti in Trento öffentlich am Würgegalgen gehängt - das faschistische Italien stilisierte den Sozialisten zum Nationalhelden. Doch im Krieg hatte der Seitenwechsel Battistis für Österreich-Ungarn kaum "Signalwirkung", wie der Historiker Manfried Rauchensteiner schreibt.

Wien ließ "Reichsitaliener" zu Tausenden deportieren

Das Misstrauen der österreichische Behörden steigerte sich im Laufe des Krieges immens - mit drastischen Folgen. Wie zuvor in Galizien und anderen östlichen Reichsteilen deportierte die Obrigkeit Zehntausende eigene Bürger nach Böhmen, ins Salzburger Land oder in andere frontferne Regionen. Dort mussten die Internierten unter katastrophalen Bedingungen in Lagern ausharren.

1915 wurden "Reichsitaliener" aus dem Trentino weggeschafft. Manche galten als nicht kaisertreu genug. Anderen sagte man, sie müssten aus Sicherheitsgründen den Soldaten Platz machen.

Etwa 70 000 Trentiner sollen von den Österreichern während des Krieges "evakuiert" worden sein, 30 000 schickten die Italiener aus den eroberten Gebieten ins Kernland.

Rovereto, vor dessen Toren die italienische Armee gestoppt worden war, wurde komplett geräumt. Fünf Stunden gaben die Behörden den Einwohnern, ihre Habe zusammenzupacken. Dann kamen die Streitkräfte und machten sich breit. Aus dem Stadttheater wurde ein Pferdestall gemacht, die einschlagenden Granaten zerstörten jedes zweite Haus.

Die Soldaten hausten im Trentino nach Gusto, nahmen sich aus den verlassenen Anwesen, was sie wollten, und schikanierten die Dagebliebenen. "Die treue italienische Bevölkerung wird tief verletzt", schrieb der spätere österreichische Minister Joseph Maria Baernreither. Das Gebiet werde nach dem Krieg ein "physisch und moralisch zerstörtes Land sein".

Fast jede Trentiner Familie litt in irgendeiner Weise unter dem Krieg, so auch die von Christin Zanetti. Mit kleinen Schritten schreitet die elegant gekleidete Stadtführerin durch Rovereto, erzählt von der einst florierenden Seidenraupenindustrie, erklärt freigelegte Wandmalereien und zeigt die Häuser, in denen Goethe und Mozart einst genächtigt haben.

Zanettis Großvater war Bauer, bei Kriegsbeginn 1915 wurde er als Kaiserjäger eingezogen. "Im Herbst war er tot", sagt Zanetti, Granatbeschuss. Ihre Großmutter stand alleine da mit sechs Kindern.

Überall im Trentino sind noch heute Spuren des Weltenbrandes zu finden. Auf der ehemaligen alpinen Frontlinie können heute Wanderer auf dem "Friedensweg" von den Sextener Dolomiten bis zum Stilfser Joch kraxeln. Die Autonome Region Trentino-Südtirol begeht das Centenarium des Krieges mit vielseitigen Veranstaltungen.

In Levico Terme etwa, einem malerischen Kurort an zwei Bergseen, stellt eine Gruppe historisch Interessierter im hergerichteten Natursteinfort Colle delle Benne die Erinnerungen von Kriegsteilnehmern aus, dazu ein bisschen moderne Kunst. In einer Kammer nebenan haben junge Winzer sogar Tausende Flaschen Rotwein eingelagert - die dicken Festungsmauern versprechen gleichmäßige Temperaturen.