Olympia in London:Isoliert in Europa, ohne Bündnispartner USA

Die Spiele von 1948 richtete Großbritannien als erschöpfte Nation aus. Zwar hatte das Königreich den Zweiten Weltkrieg mitgewonnen, aber Teile des Landes lagen in Trümmern. Die USA und die Sowjetunion waren die führenden Weltmächte, es war absehbar, dass der Zerfall des Empire nicht aufzuhalten sein würde.

Auch im Sport zeigte sich der Abstieg: Im Medaillenspiegel reichte es nur noch zum zwölften Platz. Britische Sportler gewannen drei Goldmedaillen, die Amerikaner 38. Fragen nach der nationalen Identität stellten sich jedoch allenfalls leise: Immerhin waren die Briten als Teil der Alliierten aus beiden Weltkriegen als Sieger hervorgegangen, daraus ließ sich durchaus noch ein starkes Selbstwertgefühl ableiten.

Die Spiele von 2012 richtet Großbritannien als Nation aus, die auf der Suche ist nach ihrem Platz in der Welt. Die Amerikaner, traditionell engster Bündnispartner, wollen künftig eher nach Asien blicken. Ohnehin fühlt man sich von den USA oft nicht mehr für voll genommen. Als Tony Blair an der Seite von George W. Bush in den Irak-Krieg zog, erhielt er in Großbritannien den Spitznamen "Bushs Pudel".

Britischer Europa-Politik fehlt es sehr an Linie

Das Verhältnis zu Kontinentaleuropa ist seit jeher schwierig. Erst im vergangenen Dezember hat sich David Cameron in Europa isoliert, als er einer Änderung der EU-Verträge seine Zustimmung verweigerte. Der britischen Europa-Politik fehlt es so sehr an Linie, dass Beobachter fürchten, das Land könnte ungewollt aus der Europäischen Union herausschlafwandeln.

Margaret Thatcher wollte das Land modernisieren, indem sie Staatsbetriebe privatisierte und die Macht der Gewerkschaften brach. Tony Blair wollte es als "Cool Britannia" neu erfinden. David Cameron war angetreten mit der Idee einer "Big Society", einer engagierten Gesellschaft, die viele Aufgaben des Staates übernimmt. Herausgekommen ist ein Land, das kaum noch über produzierende Industrie verfügt, dafür aber über eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, und das in einer nicht enden wollenden Rezession feststeckt. In der einstigen Industriestadt Newcastle leben manche Familien bereits in der dritten Generation in Arbeitslosigkeit.

Die gewaltigen Feiern zum 60. Thronjubiläum von Elizabeth II. vor knapp zwei Monaten ließen sich daher als eine verzweifelte Form von Eskapismus deuten. Sie waren aber zugleich auch trotzige Besinnung auf die großartigen Traditionen des Landes - und der Beweis dafür, dass man es hier besser als irgendwo sonst versteht, eine Party zu feiern.

Es könnten unvergessliche Spiele werden

In strömendem Regen hatten eine Million Menschen zu Ehren der Königin an der Themse ausgeharrt, in bester Laune. Wenn die Briten diesen Geist auf Olympia übertragen, könnten es unvergessliche Spiele werden.

Die meisten olympischen Gastgeber verbinden mit den Spielen eine größere Botschaft. In Peking vor vier Jahren ging es um die Prunkspiele einer Diktatur, die ihre Muskeln spielen ließ. In Sydney vor zwölf Jahren ging es darum, dass der so weit entfernte Kontinent der Welt zeigen wollte, dass er in der ersten Liga spielt. In Los Angeles im Jahr 1984 ging es darum zu demonstrieren, wer die wahre Supermacht des Planeten ist. Bei den Spielen von 2012 in London geht es um Zeichen nach innen und außen.

Die Briten wollen sich und allen anderen zeigen, dass sie, 104 Jahre nachdem sie erstmals Gastgeber waren, noch immer in der Lage sind, Großes zu bewegen und Großes zu schaffen. Deshalb verbitten sie sich Bemerkungen wie die von dem "Typen namens Mitt Romney". Dass sie selbst während der Vorbereitungen so beherzt an allem und jedem herumgemäkelt haben, ist zum einen der beliebteste Volkssport und hat zum anderen viel mit Erwartungsmanagement zu tun: Wenn die Spiele trotz all der Bedenken reibungslos und heiter verlaufen, werden die Briten danach umso stolzer sein - und sich im Idealfall mit einer gewaltigen Dosis Selbstbewusstsein aufgeladen haben.

© SZ vom 28.07.2012/rela
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