Süddeutsche Zeitung

Olympia in London:Eine Nation, die sich selbst sucht

Olympische Gastgeber verbinden mit den Spielen eine größere Botschaft. 104 Jahre, nachdem Großbritannien erstmals Olympia ausrichtete, will das Land beweisen, dass man immer noch Großes bewegen kann. Doch es gibt große Probleme - nach innen wie nach außen.

Christian Zaschke, London

Es ist eine Sache, wenn Briten sich über sich selbst lustig machen. Wenn sie sich am eigenen Unvermögen ergötzen, wenn sie ihre Fußballer mit Spott überziehen, ihre Politiker als Witzfiguren darstellen und damit kokettieren, dass hier im Grunde nichts so richtig funktioniert. Es ist eine vollkommen andere Sache, wenn ein Ausländer auch nur die leiseste Kritik am Land äußert.

Als der US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney bei seinem Besuch in London in dieser Woche anmerkte, die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele sei zum Teil "nicht ermutigend" verlaufen, schlugen ihm Empörung und tief empfundene Ablehnung entgegen. In Blogs und Internetforen schaukelte sich die Stimmung hoch, führende Politiker reagierten pikiert.

Es sei natürlich leicht, Olympische Spiele in der Mitte von Nirgendwo auszurichten, bemerkte Premierminister David Cameron schnippisch und spielte damit darauf an, dass Romney Chef der Winterspiele von 2002 in Salt Lake City war. Londons Bürgermeister Boris Johnson sagte bei einem Olympia-Festival im Hyde Park vor 40.000 Menschen: "Es gibt da einen Typen namens Mitt Romney, der fragt, ob wir bereit sind für die Spiele. Sind wir bereit?" Johnson erntete frenetischen Jubel.

Müsste Romney nicht in den USA, sondern in Großbritannien zur Wahl antreten, erhielte er ziemlich genau null Prozent der Stimmen. Man hält ihn hier jetzt für dümmer als Sarah Palin.

Stolze Gastgeber, die es allen beweisen wollen

Die heftige Reaktion erklärt sich damit, dass Romney einen empfindlichen Punkt getroffen hat, einen, der ans Selbstverständnis der Briten rührt. Denn so hemmungslos sie auch über die Pannen in der Olympia-Vorbereitung lästern mögen - natürlich sind sie stolze Gastgeber, und natürlich wollen sie der Welt und zu einem großen Teil auch sich selbst zeigen, wozu sie imstande sind und wer sie sind.

Man muss diese größte Sportveranstaltung des Erdballs nicht noch überhöhen, aber für die Briten könnten die Spiele tatsächlich eine Hilfe sein bei der schwierig gewordenen Suche nach der eigenen Identität. Worin diese besteht, ist vielen Briten nämlich nicht mehr ganz klar.

Es lässt sich in dieser Frage ein olympischer Bogen spannen. Erstmals hat Großbritannien die Spiele 1908 ausgerichtet. Damals war London die Hauptstadt eines Empire, in dem die Sonne niemals unterging. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde von der britischen Krone regiert. Ursprünglich hatten die Spiele in Italien stattfinden sollen, aber nach dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1906 sprang London ein.

Innerhalb kürzester Zeit bauten die Briten die Sportstätten, darunter ein Stadion für 68.000 Zuschauer. Warum auch nicht - britische Ingenieure waren die besten der Welt. Selbstverständlich gewann Großbritannien mehr Goldmedaillen als die neun nächstplatzierten Nationen zusammen. Man fühlte sich mit Recht als bedeutendstes Land der Welt.

Isoliert in Europa, ohne Bündnispartner USA

Die Spiele von 1948 richtete Großbritannien als erschöpfte Nation aus. Zwar hatte das Königreich den Zweiten Weltkrieg mitgewonnen, aber Teile des Landes lagen in Trümmern. Die USA und die Sowjetunion waren die führenden Weltmächte, es war absehbar, dass der Zerfall des Empire nicht aufzuhalten sein würde.

Auch im Sport zeigte sich der Abstieg: Im Medaillenspiegel reichte es nur noch zum zwölften Platz. Britische Sportler gewannen drei Goldmedaillen, die Amerikaner 38. Fragen nach der nationalen Identität stellten sich jedoch allenfalls leise: Immerhin waren die Briten als Teil der Alliierten aus beiden Weltkriegen als Sieger hervorgegangen, daraus ließ sich durchaus noch ein starkes Selbstwertgefühl ableiten.

Die Spiele von 2012 richtet Großbritannien als Nation aus, die auf der Suche ist nach ihrem Platz in der Welt. Die Amerikaner, traditionell engster Bündnispartner, wollen künftig eher nach Asien blicken. Ohnehin fühlt man sich von den USA oft nicht mehr für voll genommen. Als Tony Blair an der Seite von George W. Bush in den Irak-Krieg zog, erhielt er in Großbritannien den Spitznamen "Bushs Pudel".

Britischer Europa-Politik fehlt es sehr an Linie

Das Verhältnis zu Kontinentaleuropa ist seit jeher schwierig. Erst im vergangenen Dezember hat sich David Cameron in Europa isoliert, als er einer Änderung der EU-Verträge seine Zustimmung verweigerte. Der britischen Europa-Politik fehlt es so sehr an Linie, dass Beobachter fürchten, das Land könnte ungewollt aus der Europäischen Union herausschlafwandeln.

Margaret Thatcher wollte das Land modernisieren, indem sie Staatsbetriebe privatisierte und die Macht der Gewerkschaften brach. Tony Blair wollte es als "Cool Britannia" neu erfinden. David Cameron war angetreten mit der Idee einer "Big Society", einer engagierten Gesellschaft, die viele Aufgaben des Staates übernimmt. Herausgekommen ist ein Land, das kaum noch über produzierende Industrie verfügt, dafür aber über eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, und das in einer nicht enden wollenden Rezession feststeckt. In der einstigen Industriestadt Newcastle leben manche Familien bereits in der dritten Generation in Arbeitslosigkeit.

Die gewaltigen Feiern zum 60. Thronjubiläum von Elizabeth II. vor knapp zwei Monaten ließen sich daher als eine verzweifelte Form von Eskapismus deuten. Sie waren aber zugleich auch trotzige Besinnung auf die großartigen Traditionen des Landes - und der Beweis dafür, dass man es hier besser als irgendwo sonst versteht, eine Party zu feiern.

Es könnten unvergessliche Spiele werden

In strömendem Regen hatten eine Million Menschen zu Ehren der Königin an der Themse ausgeharrt, in bester Laune. Wenn die Briten diesen Geist auf Olympia übertragen, könnten es unvergessliche Spiele werden.

Die meisten olympischen Gastgeber verbinden mit den Spielen eine größere Botschaft. In Peking vor vier Jahren ging es um die Prunkspiele einer Diktatur, die ihre Muskeln spielen ließ. In Sydney vor zwölf Jahren ging es darum, dass der so weit entfernte Kontinent der Welt zeigen wollte, dass er in der ersten Liga spielt. In Los Angeles im Jahr 1984 ging es darum zu demonstrieren, wer die wahre Supermacht des Planeten ist. Bei den Spielen von 2012 in London geht es um Zeichen nach innen und außen.

Die Briten wollen sich und allen anderen zeigen, dass sie, 104 Jahre nachdem sie erstmals Gastgeber waren, noch immer in der Lage sind, Großes zu bewegen und Großes zu schaffen. Deshalb verbitten sie sich Bemerkungen wie die von dem "Typen namens Mitt Romney". Dass sie selbst während der Vorbereitungen so beherzt an allem und jedem herumgemäkelt haben, ist zum einen der beliebteste Volkssport und hat zum anderen viel mit Erwartungsmanagement zu tun: Wenn die Spiele trotz all der Bedenken reibungslos und heiter verlaufen, werden die Briten danach umso stolzer sein - und sich im Idealfall mit einer gewaltigen Dosis Selbstbewusstsein aufgeladen haben.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2012/rela
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