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Olympia in London:Eine Nation, die sich selbst sucht

Olympische Gastgeber verbinden mit den Spielen eine größere Botschaft. 104 Jahre, nachdem Großbritannien erstmals Olympia ausrichtete, will das Land beweisen, dass man immer noch Großes bewegen kann. Doch es gibt große Probleme - nach innen wie nach außen.

Christian Zaschke, London

Es ist eine Sache, wenn Briten sich über sich selbst lustig machen. Wenn sie sich am eigenen Unvermögen ergötzen, wenn sie ihre Fußballer mit Spott überziehen, ihre Politiker als Witzfiguren darstellen und damit kokettieren, dass hier im Grunde nichts so richtig funktioniert. Es ist eine vollkommen andere Sache, wenn ein Ausländer auch nur die leiseste Kritik am Land äußert.

Olympic Advertising Wraps London's Prime Buildings

Erstmals hat Großbritannien die Spiele 1908 ausgerichtet. Damals war London die Hauptstadt eines Empire. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde von der britischen Krone regiert.

(Foto: Bloomberg)

Als der US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney bei seinem Besuch in London in dieser Woche anmerkte, die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele sei zum Teil "nicht ermutigend" verlaufen, schlugen ihm Empörung und tief empfundene Ablehnung entgegen. In Blogs und Internetforen schaukelte sich die Stimmung hoch, führende Politiker reagierten pikiert.

Es sei natürlich leicht, Olympische Spiele in der Mitte von Nirgendwo auszurichten, bemerkte Premierminister David Cameron schnippisch und spielte damit darauf an, dass Romney Chef der Winterspiele von 2002 in Salt Lake City war. Londons Bürgermeister Boris Johnson sagte bei einem Olympia-Festival im Hyde Park vor 40.000 Menschen: "Es gibt da einen Typen namens Mitt Romney, der fragt, ob wir bereit sind für die Spiele. Sind wir bereit?" Johnson erntete frenetischen Jubel.

Müsste Romney nicht in den USA, sondern in Großbritannien zur Wahl antreten, erhielte er ziemlich genau null Prozent der Stimmen. Man hält ihn hier jetzt für dümmer als Sarah Palin.

Stolze Gastgeber, die es allen beweisen wollen

Die heftige Reaktion erklärt sich damit, dass Romney einen empfindlichen Punkt getroffen hat, einen, der ans Selbstverständnis der Briten rührt. Denn so hemmungslos sie auch über die Pannen in der Olympia-Vorbereitung lästern mögen - natürlich sind sie stolze Gastgeber, und natürlich wollen sie der Welt und zu einem großen Teil auch sich selbst zeigen, wozu sie imstande sind und wer sie sind.

Man muss diese größte Sportveranstaltung des Erdballs nicht noch überhöhen, aber für die Briten könnten die Spiele tatsächlich eine Hilfe sein bei der schwierig gewordenen Suche nach der eigenen Identität. Worin diese besteht, ist vielen Briten nämlich nicht mehr ganz klar.

Es lässt sich in dieser Frage ein olympischer Bogen spannen. Erstmals hat Großbritannien die Spiele 1908 ausgerichtet. Damals war London die Hauptstadt eines Empire, in dem die Sonne niemals unterging. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde von der britischen Krone regiert. Ursprünglich hatten die Spiele in Italien stattfinden sollen, aber nach dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1906 sprang London ein.

Innerhalb kürzester Zeit bauten die Briten die Sportstätten, darunter ein Stadion für 68.000 Zuschauer. Warum auch nicht - britische Ingenieure waren die besten der Welt. Selbstverständlich gewann Großbritannien mehr Goldmedaillen als die neun nächstplatzierten Nationen zusammen. Man fühlte sich mit Recht als bedeutendstes Land der Welt.

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