Österreich:Tiroler Wutanfall

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Österreich: Toni Mattle (ÖVP) will nach der Landtagswahl Landeshauptmann von Tirol werden.

Toni Mattle (ÖVP) will nach der Landtagswahl Landeshauptmann von Tirol werden.

(Foto: IMAGO/Eibner Europa)

Nach acht Jahrzehnten an der Macht ist in Tirol schwer zu trennen, was ÖVP ist und was nicht. Warum kurz vor der Landtagswahl nun die Rückforderung von Corona-Hilfen die Gemüter erhitzt.

Von Cathrin Kahlweit

Ich war diese Woche im schönen Tirol, konkret in Auszeitdörfern im Lechtal, unterwegs, die so heißen, weil man sich eine Auszeit vom Trubel der Welt nehmen soll. Der Tourismus kommt dort nicht als Brutalo-Architektur mit Überwältigungscharakter daher, schon weil, wie mir die Einheimischen erklärt haben, das Gelände schlicht viel zu steil ist für große Skianlagen.

Trotzdem zeigt sich auch hier der Wandel der Zeit: Der Lech ist streckenweise fast ausgetrocknet, und über den Gipfeln liegt Ruh statt Eis. Apropos Eis: ÖVP-Politiker Toni Mattle, der Nachfolger von Günther Platter als Landeshauptmann werden möchte, isst, nein er "löffelt" dasselbe gern aus dem Becher, wie er bei der Elefantenrunde der Spitzenkandidaten zur Landtagswahl zum Besten gab. Seine Pointe: Eine Frau habe ihn gelobt, er esse ja Eis "wie ein Normaler", was offenbar in seinen Augen schon ein Vorzug und damit wahlkampftechnisch ein Vorteil ist.

Mattle hatte mir die Anekdote in einem kurzen Interview praktisch wortgleich erzählt - und während ich noch rätselte, ob es ihn gegenüber seinen Mitbewerbern auszeichnet, dass er unfallfrei Eis essen kann, unterbrach seine Pressesprecherin das Gespräch. Mattle sollte lieber mit Bürgern statt mit Journalisten reden. So kam ich praktischerweise nicht mehr dazu, ihn nach der so komplexen wie symptomatischen Sache mit den Corona-Hilfen für den ÖVP-Bauernbund zu fragen.

Die Tiroler Jungbauernschaft ist quasi eine multiple Persönlichkeit

Für alle, die das nicht mitbekommen haben, der Versuch einer - zugegeben übersimplifizierten - Zusammenfassung: Die Tiroler Jungbauernschaft/Landjugend ist Teil des Bauernbundes und damit der ÖVP, aber zugleich auch, laut Statut, organisatorisch verbunden mit der Landwirtschaftskammer, die - theoretisch - überparteilich sein soll, aber nicht nur in Tirol quasi der ÖVP gehört.

Die Jungbauernschaft ist also, sozusagen, eine multiple Persönlichkeit. Was sie nach eigenen Angaben keinesfalls ist: eine Parteiorganisation. Denn die hätte keinen Anspruch auf Geld aus einem Topf für Non-Profit-Organisationen gehabt. Als es um viel Geld aus diesem staatlichen Corona-Hilfsfonds ging, hat die Landjugend mitteilen lassen, sie kenne die ÖVP quasi gar nicht und bestehe aus einer Vielzahl gemeinnütziger Vereine; an 120 von diesen flossen daher mehr als 800 000 Euro. Die sollen nun zurückgezahlt werden. Der Bescheid aus Wien kam just zehn Tage vor der Wahl, was wiederum ÖVP-Landeshauptmann Platter als fiese Attacke des grünen Vizekanzlers wertet, dessen Ministerium für Auszahlung wie Prüfung und Rückforderung zuständig ist.

Zu Mattles Ehrenrettung muss man sagen, dass er sich nicht an dem kollektiven Tiroler Wutanfall beteiligt hat. Was man auch sagen muss ist, dass nach acht Jahrzehnten an der Macht ohnehin nur noch schwer zu trennen ist, was ÖVP ist und was nicht. Im Auszeitdorf am Lech teilte mir ein pensionierter Gemeindemitarbeiter empört mit, es sei ein Skandal, dass andere Parteien überhaupt öffentlich einen Anspruch auf das Amt des Landeshauptmanns oder gar des Kanzlers stellten. "Ja, dürfen die das überhaupt?", fragte er.

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