NSU-Prozess:Braves Frauchen oder aktive Mittäterin

Im Prozess erscheint sie - so Saß - "stark, durchsetzungswillig, kämpferisch und auch manipulativ", gerade wenn es um den Streit mit ihren alten Anwälten geht. Gleichzeitig wirke sie im Gerichtssaal ruhig, selbstsicher und entspannt. Auch zahlreiche Zeugen hätten sie als selbstbewusst und eigenständig beschrieben.

Das führt den Psychiater zu folgendem Schluss: "Dies spricht eher gegen die Annahme, dass sie sich über eine sehr lange Periode entgegen ihrer eigenen Auffassung in einer so wichtigen und dramatischen Frage wie dem Begehen einer Serie von Tötungshandlungen dem Willen der beiden Lebenspartner gebeugt hätte."

Außerdem hätten Nachbarn und Urlaubsfreunde das Bild einer Freundesgruppe gezeichnet, die ihr Leben genossen habe. Zschäpe habe demnach nicht resignierend ein Leben geführt, das ihr widersprach. Von inneren Konflikten sei nirgendwo etwas zu sehen gewesene.

Das zweite Szenario, das Saß zeichnet, entspricht dem Bild von Zschäpe, das auch die Anklage von ihr hat: das einer Frau, die über die Pläne ihrer Freunde informiert und aktiv in die Planungen eingebunden war, auch bei der Herstellung des Bekennervideos. In diesem Fall müsse man davon ausgehen, dass sie die Taten akzeptiert habe. Man müsse von einer "ganz anderen kriminellen Energie" ausgehen als bei dem Bild, das Zschäpe von sich selbst zeichnet.

"Kaum Hinweise über Erschütterung"

Dann würde es sich bei ihrem Verhalten wohl tatsächlich um einen "tief eingeschliffenen inneren Zustand" handeln, also einen "Hang" - was gestützt wird durch Straftaten schon vor dem Untertauchen, die Bereitschaft zu militanten Aktionen, der Herstellung des menschenverachtenden "Pogromly"-Spiels und der engen Gemeinschaft im Untergrund, die sich über die natürliche Tötungshemmung hinwegsetzte, selbst wenn sie an den Morden nur mittelbar beteilt war.

Saß betont, es habe auch nach dem Auffliegen des NSU bei Zschäpe "kaum Hinweise für eine Erschütterung über das Geschehen" gegeben. Aus ihrer knappen Erklärung vor Gericht lasse sich das jedenfalls nicht herauslesen.

"Bei heutigem Kenntnisstand kann nicht festgestellt werden, dass ein grundlegender Wandel in Haltungen und Überzeugungen eingetreten ist", schreibt Saß. Und er hält es für möglich, dass Zschäpe sich später wieder der gewaltbereiten rechten Szene zuwendet, es gebe ja weiter eine Unterstützerszene für ausländerfeindliche Delikte.

Saß hält Zschäpe nicht durch Alkoholsucht oder Persönlichkeitsstörungen in ihrer Schuldfähigkeit eingeschränkt. Er sieht bei ihr nur egozentrische Züge, dazu einen Mangel an "Gemüthaftigkeit und Empathie". Und: Die Angeklagte könne sehr gut die Fassade wahren.

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