NSU-Prozess Beate Zschäpe bringt sich in Bedrängnis

Beate Zschäpe beim NSU-Prozess am 05.07.2017 im Gerichtssaal in München.

(Foto: REUTERS)
  • Hinter einer Trennwand soll Uwe Böhnhardt ohne Beate Zschäpes Wissen die Bombe für den Anschlag in der Kölner Probsteigasse gebaut haben.
  • Zschäpes Angaben im NSU-Prozess über die Wohnverhältnisse wecken am Mittwoch massive Zweifel an ihrer Aussage.
  • Ihr Verteidiger will Zschäpe mit einem Gefängnisvergleich helfen - und erreicht das Gegenteil.
Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Es sind nicht die Zeugen, die sie in Bedrängnis bringen. Es ist Beate Zschäpe selbst, die an diesem Mittwoch im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München massive Zweifel an ihrer Aussage weckt. Es geht um eine Wohnung in der Heisenbergstraße 6 in Zwickau, in der die mutmaßlichen Rechtsterroristen Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von Juli 2000 bis Mai 2001 lebten. Und es geht um den Bau der Bombe für den Anschlag auf ein Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse im Januar 2001.

Uwe Böhnhardt hat die Bombe in jener Wohnung in seinem Zimmer gebaut - so hat es Zschäpe ausgesagt. Sie will von dem Bombenbau nichts mitbekommen und auch von dem Anschlag erst im Nachhinein erfahren haben. Und das, obwohl sie sich nach eigenen Angaben einen nicht einmal zehn Quadratmeter großen Raum mit Böhnhardt geteilt hat. Wie soll das möglich sein?

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Verteidiger Mathias Grasel hatte dem Gericht Zschäpes Antwort auf diese Frage bereits an einem früheren Verhandlungstag mitgeteilt: Der Raum sei mit einer Trennwand geteilt gewesen. Aus einem Zimmer seien so zwei Zimmer geworden. Böhnhardt soll die Bombe also unbemerkt hinter einer Trennwand hergestellt haben.

An diesem Mittwoch hat Zschäpe weitere Details zur angeblichen Trennwand genannt. Und die Bundesanwaltschaft lieferte die Quadratmeterangaben nach. Daraus ergibt sich: Zschäpe behauptet, in einem keine fünf Quadratmeter großen Raum ohne Heizung und ohne Fenster gelebt zu haben. Nach ihrer Darstellung hätte Böhnhardt jedes Mal durch ihr Zimmerchen laufen müssen, um in seinen Bereich zu gelangen, der ebenso klein gewesen sein soll, aber immerhin Fenster und Heizung hatte. Eine Erklärung dafür, warum das Liebespaar Zschäpe/Böhnhardt ein ohnehin winziges Zimmer überhaupt durch eine Trennwand geteilt haben soll, liefert Zschäpe nicht. Mehrere Opferanwälte drücken an diesem Verhandlungstag ihre Skepsis aus.

Verteidiger Grasel reagiert mit einem Hinweis, der - salopp gesagt - nach hinten losgeht. Ausgerechnet ihr Verteidiger weist darauf hin, dass sogar Zschäpes sechs Quadratmeter große Zelle in der Untersuchungshaft größer ist, als der abgetrennte Raum, in dem sie in der Heisenbergstraße gelebt haben will.

Auch die Genese von Zschäpes Aussage trägt wenig zu deren Glaubhaftigkeit bei. Erst sprach Zschäpe schlicht von einer Drei-Zimmer-Wohnung, in der jeder sein eigenes Zimmer hatte. Von Opferanwalt Eberhard Reinecke darauf hingewiesen, dass es in der Wohnung aber nur zwei Zimmer und ein Durchgangszimmer gab, überraschte sie dann mit der angeblichen Trennwand.

Ein Hintertürchen für Zschäpe

Reinecke reagierte mit dem Antrag, die damalige Vermieterin vor Gericht zu fragen, ob es an Zimmerdecke und Fußboden Hinweise auf eine nachträglich eingebaute Wand gegeben hat. Zschäpe besserte ihre Aussage daraufhin nun erneut nach: Die Trennwand sei nicht massiv gewesen, sondern hätte "aus dünnen Paneelen" bestanden. Und: "Da wir vor der Errichtung der Trennwand keine Erlaubnis der Vermieterin eingeholt hatten, mussten wir diese beim Auszug auch wieder vollständig entfernen."

Zschäpe ahnte offenbar, dass die Vermieterin an diesem Verhandlungstag tatsächlich nichts zu einer Trennwand sagen kann. Allerdings hat die Zeugin überhaupt keine Erinnerung an die Wohnung. Als Angestellte einer Immobilienfirma ist sie nach eigenen Angaben Tag für Tag mit Wohnungsabnahmen beschäftigt. Über den Zustand einer speziellen Wohnung im Jahr 2000 oder 2001 könne sie heute beim besten Willen nichts mehr sagen, sagt sie im Prozess. Es seien auch keine Unterlagen mehr vorhanden.

Ein offenes Hintertürchen bleibt Zschäpe allerdings. Dass Böhnhardt damals die Bombe in seinem Zimmer gebaut hat, will sie erst im Nachhinein von ihm und Mundlos erfahren haben. Spätestens im Plädoyer wird die Verteidigung wohl betonen, wie oft Mundlos und Böhnhardt ihre Mandantin im Zusammenhang mit den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen angelogen hätten.

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