NSU-2.0-Prozess:Wieder laut

Lesezeit: 2 min

NSU-2.0-Prozess: Alexander M., 54, am ersten Prozesstag Ende Februar im Frankfurter Gerichtssaal.

Alexander M., 54, am ersten Prozesstag Ende Februar im Frankfurter Gerichtssaal.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Lukas Mühlbauer war Schülersprecher an einem hessischen Gymnasium, als er Drohschreiben mit dem Kürzel NSU 2.0 erhielt. Eine Geschichte über das Weitermachen.

Von Gianna Niewel, Frankfurt

Es muss im vergangenen Winter gewesen sein, Kinder spielten draußen, spielten Streiche, sie warfen einen Schneeball gegen das Fenster des Hauses. Lukas Mühlbauer saß drinnen, er habe gedacht: "Jetzt ist es so weit." Dann habe er die Polizei angerufen.

Einige Wochen vorher war bei seinem Schulleiter eine Mail eingegangen, Mühlbauer war damals 18 Jahre alt und Schulsprecher einer Gesamtschule in Kassel.

Datum: 3. Februar 2021, 19.13 Uhr

Betreff: Letzte Warnung

Anrede: "Heil Hitler, du verfluchtes Schwein."

Am Telefon sagte ihm der Schulleiter, es gehe in der Mail auch um ihn, "das war erst einmal abstrakt". Dann rief die Polizei an und las den Ausschnitt vor: "Lukas Mühlbauer ziehe ich bei nächster Gelegenheit einen Eishockeyschläger durch seine debile Fresse."

Im Gerichtssaal sagt Lukas Mühlbauer, er habe sich oft gefragt, wieso es ihn treffe. Weil er sich dafür einsetzte, dass die Schule in Walter-Lübcke-Schule umbenannt wird, nach dem Kasseler Regierungspräsidenten, der ganz in der Nähe ermordet wurde, auf der Terrasse seines Hauses, erschossen von einem Rechtsextremisten? Weil er als Juso Lübckes offene Haltung gegenüber Geflüchteten teilte?

Es geht darin um 116 Drohschreiben, verschickt per Mail, Fax, SMS und mit dem Kürzel NSU 2.0

An diesem Mittwoch fand vor dem Frankfurter Landgericht der nächste Prozesstag im NSU-2.0-Verfahren statt. Es geht darin um 116 Drohschreiben, verschickt per Mail, Fax, SMS und mit dem Kürzel NSU 2.0. Die Opfer: Politikerinnen, Kabarettistinnen, Anwälte. Im Oktober 2018 etwa bekam die Moderatorin Anja Reschke eine Mail, sie wird darin "Antifa-N****-Muslim-Zigeunerhure" genannt, wenn sie auf Sendung gehe, würden ihre Kinder abgeknallt. In der Mail stehen deren Namen, dabei sind die bewusst geheim gehalten. Auch Hengameh Yaghoobifarah von der taz ist betroffen. Als jemand 2018 bei den Eltern anrief und nach der Wohnadresse fragte, als dann Mails kamen, habe Yaghoobifarah teilweise täglich Panikattacken gehabt, die Arme kribbelten, die Lunge fühlte sich an wie eingeschnürt, noch immer fühle Yaghoobifarah sich manchmal verfolgt und vertraue nur schwer, "das reißt alles mit runter". Und dann ist da noch Lukas Mühlbauer.

Der Mann, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, all die Schreiben verfasst zu haben, sitzt meist teilnahmslos auf der Anklagebank. Alexander M., 54 Jahre alt, ein arbeitsloser IT-Techniker aus Berlin. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft eine lange Liste an Straftaten vor, Beleidigung in 67 Fällen, Bedrohung in 23 Fällen, Nötigung in elf Fällen. Öffentliche Aufforderung zu Straftaten, Volksverhetzung, Verstoß gegen das Waffengesetz.

Immer dann, wenn eine der Mails an die Wand des Gerichts geworfen wird, schaut er auf, als sähe er sie zum ersten Mal.

Lukas Mühlbauer erzählt jetzt, wie er sich an die Zeit nach der Mail erinnerte. Zwei Wochen habe er schlecht geschlafen, seine Mutter sorge sich um ihn. Die Polizei sei damals immer wieder am Haus der Familie vorbeigefahren, er sei kaum rausgegangen, habe die Übungen der freiwilligen Feuerwehr abgesagt, die Schiedsrichterdienste auf dem Fußballplatz. Jedes Mal, wenn er sich öffentlich äußern wollte, habe seine Freundin gesagt: "Kannst du nicht einfach mal den Mund halten?"

Mittlerweile, sagt Mühlbauer, könne er wieder ruhig schlafen. Er ist nach Göttingen gezogen, studiert Rechtswissenschaften, und ja, er engagiere sich auch wieder politisch. Als die Drohmail kam, war Wahlkampf im Ort, aber er wollte keine Flyer verteilen, keine Plakate aufhängen, abends in dunklen Straßen. Seine Freunde hätten das für ihn gemacht, und es reichte, Mühlbauer schaffte es in den Kasseler Kreistag. Er sagt, er habe auch wieder das Bedürfnis, laut zu sein.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNSU 2.0-Prozess
:Ein Leben in Geiselhaft

Seit Jahren wird die Anwältin Seda Basay-Yildiz in anonymen Schreiben mit dem Tod bedroht. Wie sich das anfühlt, schildert sie vor Gericht. Es ist ein bedrückender Auftritt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB