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NS-Zeit:"Die Menge steht und schweigt"

Barbara Schieb, Jutta Hercher (Hg.): 1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen. Mit einem Vorwort von Klaus von Dohnanyi. Elisabeth Sandmann- Verlag München, 2018. 208 Seiten, 24,95 Euro.

Ein eindringliches Erinnerungsbuch über das Jahr 1938 erzählt vom letzten Friedensjahr vor dem Weltkrieg. Dabei war das Jahr alles andere als friedlich.

"Als wir den Hausvogteiplatz überqueren, tönt aus der Ferne ein sonderbares Geräusch ... Krach-klirr - krach-klirr! Drei schwere Eisenstangen sausen wie Schmiedehämmer in die riesigen Scheiben. Ein Dröhnen, ein Splittern, ein sekundenlanges Rauschen. Dann wird es still. Krach-klirr - krach-klirr! Das nächste Fenster sinkt in Trümmer. Vor ihm stehen fünf Burschen ... ihre ganze Leidenschaft ist darauf gerichtet, untadelige Ausführer zu sein. Meister im Handwerk gläserner Zerstörung. Scherben, Scherben, Scherben. Die Menge steht und schweigt."

So hat die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich die Eindrücke der Judenpogrome vom 9. November 1938 in ihr Tagebuch notiert. Man versteht, warum dieses Datum bald verharmlosend "Reichskristallnacht" genannt wurde, aber man erfährt auch, wie der NS-Staat den ersten Schritt tat Richtung Holocaust. Ein befreundeter jüdischer Rechtsanwalt hat Andreas-Friedrich zuvor informiert, was wirklich vorgeht in Hauptstadt und im Reich: "Der Teufel geht um in Berlin! Die Synagogen brennen. Das Judenblut spritzt vom Messer."

Das Jahr 1938 hat es 2018 schwergehabt, in der allgemeinen Erinnerung seinen angemessenen Platz zu bekommen; überlagert wurde diesmal vieles vom Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs und die Revolution in Deutschland vor 100 Jahren. Darum ist es ganz gut, zum Ende des Jahres, in dem Buch "1938 - Warum wir heute genau hinschauen müssen" zu blättern und in die beklemmende Atmosphäre dieses letzten Friedensjahres einzutauchen. Barbara Schieb und Jutta Hercher haben das Buch (mit dem recht pädagogischen Titel) herausgegeben.

Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Buch mit klarer historischer Analyse der Ereignisse, sondern um ein Kaleidoskop von persönlichen Aufzeichnungen und Erinnerungen an Unrecht, Vertreibung und Mord. Die Herausgeberinnen haben "dem Ganzen den Charakter eines Albums" verliehen, "das uns ermöglicht, auf eine sehr persönliche Weise von tragischen Umbrüchen zu erfahren".

Versammelt sind meist kürzere Aufzeichnungen von bekannten Personen der Zeitgeschichte, aber der Fokus liegt auf den Erlebnissen ganz normaler Bürger und ihrer persönlichen Sicht auf den "Anschluss" Österreichs, das Münchner Abkommen, Emigration und Flucht, sowie auf die Vertreibung, Inhaftierung und Ermordung von deutschen Juden. Auch Kinder und Enkel der Zeitzeugen kommen zu Wort. Einige Dokumente werden in diesem Buch mit unkonventionellem Layout erstmals präsentiert; Klaus von Dohnanyi hat ein mahnendes Vorwort geschrieben.

"1938" ist ein erhellendes Lesebuch; eine bessere historische Einordnung hätte aber nicht geschadet.