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Norwegen:Angeblicher Spion wieder daheim

Der Rentner war in Moskau im Gefängnis und bereits verurteilt zu 14 Jahren Lagerhaft. Er fühlt sich vom Militärgeheimdienst seines eigenen Landes getäuscht und missbraucht.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Frode Berg ist frei, der norwegische Rentner, der im Moskauer Lefortowo-Gefängnis einsaß, wegen Spionage verurteilt zu 14 Jahren Lagerhaft. Auch seine letzten Stunden in Russland glichen einem Spionagethriller. Am Freitagmorgen um drei Uhr wurde er zum Moskauer Flughafen gebracht. Eine Maschine brachte ihn nach Kaliningrad, dann fuhren ihn Agenten an die Grenze Litauens, wo sie ihm die Begnadigung durch Russlands Präsidenten Wladimir Putin vorlasen. Dann sagten sie ihm, er sei nun ein freier Mann. Frode Berg, festgenommen im Dezember 2017, war eingetauscht worden gegen einen russischen Agenten in litauischer Haft.

Samstagnacht brachte ein Privatjet Berg zurück nach Norwegen. Und am Dienstagabend traf er in Oslo die norwegische Presse, wo er erst einmal sagte: "Ich bin zwar wegen Spionage verurteilt, aber ich bin kein Spion." Der 64-jährige Berg war einmal Beamter der norwegischen Grenztruppen hoch oben im norwegischen Nordosten, in der Region Kirkenes an der Grenze zu Russland. Später engagierte er sich für den gesellschaftlichen Austausch zwischen Norwegen und Russland. Die ihm zur Last gelegten Taten - er war fünf Mal nach Russland gereist als Kurier für Umschläge mit Geld und Dokumenten - hat er zugegeben. Am Dienstagabend aber warf er dem norwegischen Militärgeheimdienst vor, ihn dabei getäuscht, missbraucht und genötigt zu haben. Er zeichnete von sich selbst das Bild eines naiven Rentners, der nur für einen guten Bekannten Freundschaftsdienste erledigt habe. Sein Fall sei ein "Skandal riesigen Ausmaßes" für die norwegischen Geheimdienste.

Die Öffentlichkeit scheint ihm zu glauben. Von einer "Katastrophe für unseren Geheimdienst" schreibt etwa die Zeitung Dagsavisen, auch andere Blätter folgen der These, dass der Geheimdienst hier mit einer amateurhaften Operation einen blauäugigen Bürger den russischen Sicherheitsbehörden zum Fraß vorgeworfen habe. "Norwegen ist schlecht bedient mit einem solchen Geheimdienst", erregte sich in Bergs Heimatstadt Kirkenes der Bürgermeister Rune Rafaelsen: "Sie haben fortlaufend sabotiert, was wir hier aufzubauen versuchen." Berg berichtete am Dienstag, der Chef des Militärgeheimdienstes, Morten Haga Lunde, habe sich am Montag mit ihm getroffen. Auch habe ihn Premierministerin Erna Solberg persönlich angerufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Und nein, entschuldigt habe sich keiner der beiden bei ihm, aber sie hätten sich im Gespräch doch "demütig" gezeigt.

© SZ vom 21.11.2019

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