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Nordrhein-Westfalen:Grünes Zünglein an der Waage

In NRW haben sich die Grünen als dritte Kraft etabliert. Bei den Stichwahlen am Sonntag nutzen sie dies.

Von Christian Wernicke, Düsseldorf

Ein Land erlebte schlicht den zweiten Durchgang seiner Kommunalwahlen - und doch zugleich den ersten Urnengang in einer neuen politischen Ordnung: Am 13. September hatten die Grünen in Nordrhein-Westfalen ihr landesweites Resultat auf 20 Prozent fast verdoppelt und sich so als dritte, nun "große" Partei neben der SPD (24,3 Prozent) und der CDU (34,3 Prozent) etabliert. An diesem Sonntag rangen die drei Parteien um die Trophäen im Land: In Metropolen wie der Millionenstadt Köln, der Landeshauptstadt Düsseldorf oder auch in der einstigen SPD-Hochburg Dortmund hatte vor 14 Tagen kein Bewerber die absolute Mehrheit gewonnen. Also kam es jetzt zum Duell ums Rathaus zwischen den beiden Besten aus dem ersten Wahlgang.

Dabei wurde vielerorts deutlich, welche Schlüsselrolle den Grünen im Land inzwischen zufällt. Ohne ihre Wahlempfehlung für den CDU-Kandidaten Andreas Hollstein wäre das Rennen in Dortmund, laut einem alten Wort von SPD-Legende Herbert Wehner ja "die Herzkammer der Sozialdemokratie," recht langweilig geblieben. Der SPD-Bewerber Thomas Westphal hätte sich - ganz in der Tradition der vergangenen 74 Jahre - sorglos auf fünf Jahre im Amt des Oberbürgermeisters freuen können. Das Plädoyer der Grünen für den Schwarzen jedoch machte den Wettkampf um Dortmund spannend bis in den Sonntagabend.

Die NRW-Grünen suchen ihr neues Gleichgewicht. "Schwarzgrün in Dortmund ist keine Lagerentscheidung," betonte der Landesvorsitzende Felix Banaczak im Gespräch mit der SZ. Man habe "als zentrale Kraft der linken Mitte" überall die Option gesucht, mit der sich am meisten Umwelt- und Klimapolitik durchsetzen lasse. In Krefeld etwa riefen die Grünen zur Wahl des SPD-Aspiranten. Und weil sie wiederum in Düsseldorf auf eine Wahlempfehlung für den bisherigen roten OB Thomas Geisel verzichteten, rechnete sich Herausforderer Stephan Keller gute Chancen aus, die Landeshauptstadt für die CDU zurückzuerobern.

Der Traum vom Spitzenposten in einer Hauptstadt

Grüner Traum blieb es bis zum Sonntagabend, auch selbst wenigstens eine größere NRW-Stadt zu erobern. Diese Chance bot sich zum Beispiel in Aachen, also ausgerechnet in der Heimat von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Ein schwacher CDU-Kandidat hatte zugelassen, dass die Kandidatin der Öko-Partei Sybille Keupen mit 38,9 Prozent im ersten Wahlgang satte 14 Punkte mehr als der CDU-Anwärter Harald Baal erzielte. Das Rennen in der Kaiserstadt galt dennoch als offen, weil Keupen keinen Rückhalt von den vor zwei Wochen ausgeschiedenen Sozialdemokraten erhalten hatte.

Genau deshalb - wegen einer Wahlempfehlung der nur drittplatzierten SPD - setzten die Bonner Grünen auf Sieg. Ihre Kandidatin, die bisherige Bundestagsabgeordnete Katja Dörner, hatte im ersten Wahlgang zwar hinter Amtsinhaber Ashok-Alexander Sridharan (CDU) gelegen. Aber nur sieben Prozentpunkte Differenz schienen aufholbar in der Universitätsstadt. Schwieriger wurde es für die Grünen hingegen in einer anderen Studentenstadt. In Münster hatte Amtsinhaber Markus Lewe (CDU) mit fast 45 Prozent am 13. September gegenüber dem Grünen Peter Todeskino (28,5 Prozent) einen fast uneinholbaren Vorsprung herausgeholt.

Auch Henriette Reker musste in Köln in die Stichwahl gehen

Vierter Ort grüner Hoffnung war am Sonntag schließlich Wuppertal. Dort wollte der renommierte Ökonom und Umweltforscher Uwe Schneidewind mit Unterstützung der lokalen CDU den bisherigen OB Andreas Mucke von der SPD ablösen. Beide Kandidaten hatten vor zwei Wochen um die 40 Prozent der Stimmen ergattert.

Als heimliche grüne Oberbürgermeisterin gilt vielen NRW-Grünen eh längst Henriette Reker. Die parteilose Juristin, die seit 2015 die Domstadt regiert, wird als Schwarzgrüne von der CDU mitgetragen. Aber vielen in der lokalen Union ist die 63 Jahre alte Amtsinhaberin längst "zu grün". So hatte sich Reker vor der Wahl gegen einen Ratsbeschluss gestellt, der dem 1. FC Köln den Ausbau seines Trainingszentrums in einem Grüngürtel erlaubte. Bei den Wahlen zum Stadtrat blieben offenbar manche CDU-Wähler zuhause: Die CDU erlitt die Schmach des dritten Platzes - und OB Reker fehlten die Stimmen für die absolute Mehrheit. Ihr SPD-Herausforderer Andreas Kossiski hoffte am Sonntag auf eine Sensation.

© SZ vom 28.09.2020

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