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Nordkoreas Industriepark Kaesong:Produktionsstätte mit Symbolcharakter

Die Idee war hochfliegend: Der Industriepark Kaesong sollte Nordkorea sanft in Richtung Umschwung lenken. Tatsächlich wird in der Sonderwirtschaftszone genäht und geschraubt, Auto- und Textilindustrie lassen billig produzieren. Das stärkt das Regime, aber längst gibt es wirtschaftlich wichtigere Alternativen.

Von Stefan Kornelius

Wer sich der alten koreanischen Königsstadt Kaesong vom Norden her nähert, dem widerfährt ein außergewöhnliches Erlebnis: Er hat die Autobahn fast alleine für sich. Etwa 150 Kilometer liegen zwischen Nordkoreas Hauptmetropole Pjöngjang und der Grenzstadt Kaesong, und Kilometer um Kilometer fährt der nordkoreanische Fahrer dahin, ohne auch nur einmal überholen oder auf Gegenverkehr achten zu müssen. Die Fugen zwischen den Betonplatten klopfen rhythmisch an die Räder, der Kopf ruht auf den gehäkelten Bezügen der Kopfstützen, die wenigen Städtchen und Gemeinden am Weg atmen Armut und Tristesse.

Auch Kaesong macht da keine Ausnahme. 330.000 Menschen wohnen in der Stadt, immerhin die fünftgrößte des Landes. Plattenbau reiht sich an Plattenbau, viele Seitenstraßen sind unbefestigt, die obligatorische Kim-Il-Sung-Statue überragt das Zentrum. Ein paar Überbleibsel der alten Dynastie werden vorgezeigt, außerdem das städtische Kulturzentrum, Wandgemälde von monumentaler Wucht, die Arbeiterglück und Schaffenskraft der Bauern preisen. Im Winter liegt der Rauch von Kohle- und Holzfeuer in der Luft, die Menschen laufen zu Fuß, nehmen einen Bus oder das Fahrrad.

Dann aber, wenige Kilometer südlich der Stadt, taucht Farbe auf. Schwarzglänzender Asphalt löst die Betonplatten ab, gelb lackierte Raupenschlepper und Muldenkipper stehen Spalier beim Straßenbau, ein haushoher Drahtzaun markiert die Systemgrenze, dahinter Rollrasen, Laternenmasten im 100-Meter-Abstand, Anschlüsse für Strom, Gas, Wasser - eine Industriezone, erschlossen wie jedes andere Gewerbegebiet von Seoul bis Sulingen, Leichtmetall-Hallen, gewellte Dächer, Fähnchen, reservierte Parkplätze, Besucherzentrum für Investoren.

Hochfliegende Pläne der Enthusiasten

Zehn Kilometer sind es von der Wirtschaftszone Kaesong bis zur bestbewachten Grenze der Welt, zehn Kilometer bis Südkorea, das 2002 nach mühseligen Verhandlungen ein Symbol der Kooperation und der Hoffnung auf Wiedervereinigung setzen wollte und mit dem Norden einen Vertrag zu Errichtung der Sonderwirtschaftszone schloss. Hochfliegende Pläne verbanden die politischen Enthusiasten aus dem Süden mit Kaesong. Bis zu 700.000 Menschen sollten hier einmal arbeiten - Nordkoreaner selbstverständlich, die so nicht nur die Segnungen der modernen Arbeitswelt kennenlernen, sondern auch bessere Löhne nach Hause tragen sollten. Hier würde die Saat ausgebracht für einen Umschwung auch im Norden.

Freilich kam es nicht ganz so. Heute arbeiten etwa 55.000 Arbeiter aus dem Norden in den 123 Fabriken, Werkstätten und Produktionshallen der Zone. Sie erhalten etwas mehr als 125 Dollar Lohn im Monat - allerdings nur auf dem Papier. Das Geld fließt, in Form von Devisen natürlich, an staatliche Stellen in Nordkorea. Die Arbeiter erhalten den üblichen, staatlich festgelegten Lohn, ausgezahlt in nordkoreanischen Won. In der Sonderwirtschaftszone wird genäht und geschraubt, die Auto- und Elektroindustrie lässt billig Teile produzieren, ebenso die Textilbranche. Waren im Wert von 1,5 Milliarden Dollar produzieren die Investoren aus Südkorea in der Billiglohn-Enklave, dafür fließen Devisen in Höhe von etwa 90 Millionen Dollar nach Pjöngjang.

Das Geschäft ist selbst für den Norden nicht mehr so attraktiv, dass Kaesong vor Turbulenzen geschützt werden müsste. Deshalb fiel es Pjöngjang am Mittwoch wohl nicht allzu schwer, Arbeitern aus dem Süden die Einreise zu verwehren. Nach dem Atomtest im Mai 2009 wurde Managern aus dem Süden schon einmal der Zugang verweigert, einige gestrandete Südkoreaner saßen über Wochen in Kaesong fest, ein paar wenige Mitarbeiter etwa des Hauptinvestors Hyundai wurden gefangen genommen und mussten in schwierigen Verhandlungen freigekauft werden.

Kaesong hat längst die einmalige Bedeutung als wichtiger Umschlagplatz für den Norden verloren. Dafür ist der Handel mit China drastisch gewachsen. Allein in den ersten fünf Monaten des vergangenen Jahres stieg das Volumen um 32 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar. 2011 betrug es insgesamt bereits 5,63 Milliarden Dollar - verglichen mit den 1,9 Milliarden im innerkoreanischen Handel. Besonders bemerkenswert ist bei der Verschiebung der Handelsströme, dass auch das nordkoreanische Handelsdefizit gegenüber China deutlich zurückgegangen ist - es wird also auch konsumiert im Reich der Kims, nicht nur exportiert.

Zwischen China und Nordkorea wurden inzwischen zwei Freihandelszonen eingerichtet, und die chinesische Grenzstadt Dandong hat inzwischen Kaesongs Funktion als Tor zur Welt übernommen. Dennoch ist Kaesong auch jenseits des Handels von elementarer Bedeutung für die Beziehung zwischen den beiden Koreas. Die wenigen Kommunikations-, Straßen- und Schienenverbindungen laufen alle über die Grenzstation nördlich von Seoul. Deswegen war Alarm geboten, als Nordkorea vor einigen Tagen bereits das rote Telefon zum südkoreanischen Militär kappte. Über diese vier Telefonleitungen wurde nämlich auch der gesamte Waren- und Güterverkehr koordiniert, der täglich in Kaesong die Grenze passiert.

© SZ vom 04.04.2013/olkl

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