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Nicaragua:Papierkrieg

Das Land kappt seiner letzten Tageszeitung den Nachschub.

Von Christoph Gurk

Ein paar Wochen noch sind es bis zum Jubiläum. Stolze 94 Jahre alt wird La Prensa dann sein, das macht die Tageszeitung zur ältesten in ganz Nicaragua. Allerdings, und das ist das Problem, sind sie und ihr Schwesterblatt Hoy auch die einzigen, die in dem zentralamerikanischen Land überhaupt noch in gedruckter Form erscheinen. Und auch bei ihnen könnten die Druckmaschinen bald stillstehen, in ein paar Wochen, vielleicht sogar Tagen, so dramatisch ist die Lage. Nicaragua wäre dann das erste Land weltweit, in dem es keine gedruckte Zeitung mehr gibt.

Schuld daran ist nicht die Digitalisierung. La Prensa hätte nach eigenen Angaben immer noch genug Käufer und Anzeigenerlöse, um zu überleben. Was fehlt sind nicht Geld oder Leser, sondern Papier. Dabei wäre ausreichend Nachschub vorhanden, eine Lieferung mit 92 Tonnen ist längst im Land, nur lässt der Zoll sie nicht passieren. Seit Oktober 2018 geht das so, 75 Wochen wartet man bei La Prensa nun schon auf Papier. Die Zeitung hat sich beschwert, geklagt und sogar recht bekommen, sagt sie. Das Papier aber ist immer noch nicht da. Beim Zoll will man sich dazu nicht äußern und La Prensa sagt, man bekomme auf Nachfragen stets die gleiche Antwort: Tut uns leid, Befehl von ganz oben.

Wer damit gemeint ist, wissen die Menschen in Nicaragua ganz genau: Daniel Ortega. Der ehemals sozialistisch-sandinistische Revolutionär hat schon in den 80er-Jahren das Land regiert. 2006 gewann er abermals die Wahlen, allerdings unter fragwürdigen Umständen. Seitdem klammern er und seine Frau, die er zur Vizepräsidentin ernannt hat, sich an die Macht.

2018 brachen landesweite Proteste aus, die Regierung sprach von einem von den USA finanzierten Putschversuch. Historisch betrachtet wäre das nicht ganz abwegig, allerdings ließ Ortega die Demonstrationen dann so brutal niederknüppeln, dass mehr als 300 Menschen starben. Dazu geht das Regime seitdem auch massiv gegen die freie Presse vor. Journalisten werden eingeschüchtert und eingesperrt. Kritischen Fernsehsendern entzog Ortega die Lizenz, Magazinen und Zeitungen kappte er die Papierzufuhr. Viele mussten schließen, im September letzten Jahres sogar El Nuevo Diario, bis dahin Nicaraguas zweitgrößte Zeitung. Nun sind nur noch La Prensa und das ebenfalls zum Verlag gehörige Blatt Hoy übrig.

Schwierige Zeiten hat man dort schon zuvor überstanden. Gegründet als konservativ-katholisches Blatt mit engen Verbindungen zu den USA, wurde La Prensa von linken genauso wie von rechten Regierungen verboten. Die Redaktion wurde belagert, besetzt und in Brand gesteckt. Ein Herausgeber wurde ermordet und seine Witwe und Nachfolgerin später zur Präsidentin des Landes gewählt.

Allein schon wegen all dieser historischen Verstrickungen müsse man unbedingt weitermachen, sagt man bei La Prensa. Um das knappe Papier zu sparen, hat man den Umfang heruntergefahren und am Wochenende erscheint die Zeitung nur noch im Kleinformat. Notfalls druckt der Verlag auch schon mal auf teurem Buchpapier. Und weil auch Tinte knapp ist, wird nur noch die Titelseite farbig gedruckt. Eine große 93 steht dort neben dem Schriftzug der Zeitung, für all die Jahre, die es La Prensa schon gibt. Nach dem Jubiläum im März will man die Zahl gegen eine 94 austauschen.

Vorausgesetzt natürlich, das Papier reicht noch die paar Wochen bis dahin.

© SZ vom 06.02.2020
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