Neuer politischer Geschäftsführer Johannes Ponader Wo Gollum über ein politisches Schicksal entscheidet

Johannes Ponader wird vom einfachen Basismitglied zum Vorstand der Piratenpartei - und fürchtet, die neu erworbene Macht könne seinen Charakter verändern. Deswegen legt er sein politisches Schicksal in die Hand von Parteifreunden und behilft sich mit Tolkien-Allegorien.

Von Hannah Beitzer, Neumünster

Wer mit Johannes Ponader spricht, der sollte seinen "Herr der Ringe" schon kennen - denn zum Interview bringt der neue politische Geschäftsführer den eigenen Gollum mit. Gollum ist jenes scheußliche Wesen, dass in J.R. Tolkiens Monumentalwerk den kleinen Hobbit Frodo auf seinem langen Marsch nach Mittelerde begleitet. Frodo, der den Ring der Macht trägt, verfällt seinem Schatz mehr und mehr. Er versiebt um ein Haar dessen Zerstörung, weil er den bösen Ring lieber selbst am Finger behalten will, als ihn in einen brodelnden Vulkan zu schmeißen. Gollum beißt Frodo den Finger ab und fällt mitsamt dem bösen Ring ins Feuer - Mittelerde ist gerettet.

Der neue politische Geschäftsführer Johannes Ponader: "Meine Gollums haben die Aufgabe, mich zu warnen."

(Foto: dpa)

Für Johannes Ponader, das erklärt er wortreich, birgt sein neues Amt als po-litischer Geschäftsführer ein ähnlich großes Risiko wie das Tragen des Ringes für Frodo. Deswegen hat er eine Gollum-Liste eingerichtet: "Meine Gollums haben die Aufgabe, mich zu warnen, wenn ich als Vorstand Dinge tue, die ich als Mitglied selber kritisieren würde."

Auch heute, am Tag seiner Wahl, hat Ponader einen Gollum dabei. Der hat mit dem gruselig-bösen Wesen aus "Herr der Ringe" nur wenig gemein: Rolf Schümer ist ein gemütlicher älterer Herr, der eine Jacke mit Deutsche-Bahn-Aufdruck trägt.

Bisher ist Schümer sehr zufrieden mit seinem Frodo - er findet dessen Einstellung, dass der Vorstand mehr moderieren als leiten soll, gut: "Ich glaube, die hohe Stimmenzahl für Johannes ist mit dieser Haltung zu erklären", sagt er. Und er ist begeistert von der Gollum-Liste: "Das ist eine sehr offensive Vertrauens- und Kontrollwerbung."

Für Ponader gehört diese Liste, die in ähnlicher Form auch andere Kandidaten hatten, zur Transparenz. Er möchte nach dem enormen Hype um seine Vorgängerin Marina Weisband den Blick wieder auf die Basis richten: "Eigentlich sollten zu den wichtigen Themen die Leute befragt werden, die kompetent sind, und nicht unbedingt die, die ein Amt haben." Ihm sei klar, dass die Öffentlichkeit mit einer Partei bestimmte Gesichter verbinden wolle: "Man sucht nach jemandem, der verlässlich autorisiert Auskunft geben kann." Doch nicht immer sei ein Vorstand dafür die beste Wahl.

Dieser solle lieber moderieren und die politischen Prozesse optimieren als seine Meinung kundtun, findet Ponader - und fügt selbstbewusst hinzu: "Dank meiner Arbeit als Regisseur kann ich ganz gut Prozesse voraussehen." Zum Beispiel habe er schon vor dem Parteitag darauf bestanden, dass geklärt werde, wie man sich verhalten würde, wenn rechte Mitglieder sprechen. Den Rücken zudrehen? Den Saal verlassen? "Es ist enorm wichtig, dass wir nicht nur sagen, dass wir uns abgrenzen - sondern auch, wie wir uns abgrenzen."

Ähnliches gelte auch für den politischen Prozess: "Wir werden 2013 im Bundestag sitzen", sagt er ohne einen Funken Zweifel in der Stimme. "Und wenn jemand kommt und fragt: Unterstützt Ihr diesen und diesen Kanzler? Oder: Macht Ihr bei diesem und jenem politischen Projekt mit? Dann können wir nicht erst einmal anfangen zu diskutieren." Gollum Rolf sitzt daneben und nickt: "Wichtig ist, dass jede Meinung geachtet wird", sagt er.

Noch ist er zufrieden mit seinem neuen politischen Geschäftsführer. Und wenn nicht, dann heißt es: Finger ab.