Neue Debatte um Atommüll-Endlager Aufstand der Pharisäer

Alle brauchen ein Endlager, doch keiner will es vor der eigenen Haustür. Warum Landesregierungen aus dem Süden bei der Suche nach Alternativen zu Gorleben immer wieder bei Gorleben landen.

Von Michael Bauchmüller

Das Papier war kaum publik, da schrillten in den Rathäusern zwischen Singen und Konstanz schon die Alarmglocken. Das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe hatte gerade Auszüge aus einer Studie publik gemacht über "Regionen mit potentiell geeigneten" Gesteinsformationen für ein Endlager. Darin auch, grün markiert, eine Tonschicht im Südwesten, nicht weit vom Bodensee. Das war 2006.

Wohin mit dem Atommüll? Das Endlager in Morsleben.

(Foto: ddp)

Der Landrat und der Regierungspräsident, Oberbürgermeister und Wahlkreisabgeordnete fackelten nicht lange, gemeinsam verfassten sie eine Erklärung voller Vorbehalte. Einen "Karstgrundwasserleiter" gebe es hier, "durchlässige Gesteinsschichten", insgesamt "ungünstige geologische Gegebenheiten". Dagegen fänden sich in Norddeutschland Tonsteinvorkommen, die "deutlich günstigere Eigenschaften aufweisen als Tonvorkommen im Landkreis Konstanz". Und überhaupt: Steinsalz in Salzstöcken stelle "aus geowissenschaftlicher Sicht die beste Endlagerung" dar. Und das alles nur wegen eines kleinen, grünen Flecks in der Karte einer Bundesanstalt.

So läuft es beim Thema Endlager. Alle brauchen es, keiner will es vor der eigenen Haustür. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hat das im SZ-Interview nun gegeißelt: Sollte sich Gorleben als ungeeignet erweisen, müsse überall nach Ersatz gesucht werden. Bouffier: "Es kann ja wohl nicht sein, dass wir das Sankt-Florians-Prinzip zur Grundlage unserer Politik machen."

Eine neue Endlager-Suche in Deutschland - bisher ist das Thema tabu. Just in diesen Tagen gehen im Salzstock Gorleben die Arbeiten weiter, die Bergbehörden machten den Weg am Dienstag endgültig frei. Nun sollen Geologen klären, ob sich das wendländische Salz für die Endlagerung eignet, nebenbei werden weitere Stollen ausgebaggert. In zwei Jahren soll es eine "vorläufige Sicherheitsanalyse" geben, bis 2017 eine Aussage über Eignung oder Nicht-Eignung des Bergwerks. Kritiker bemängeln ein mangelhaftes Verfahren zur Festlegung auf Gorleben, auch sehen Geologen Probleme. "Die Langzeitsicherheit ist in Gorleben nicht gegeben", urteilt etwa der Geologe Ulrich Schneider, der mit der Umweltorganisation Greenpeace zusammenarbeitet. "Der Salzstock ist mausetot."

Eher noch als die Geologie allerdings könnte ein Regierungswechsel eine neue Endlager-Suche nach sich ziehen. Eine Blaupause dafür gibt es, sie stammt noch aus Zeiten der rot-grünen Regierung. Sie hatte seinerzeit einen "Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte" eingerichtet, mit Experten verschiedener Disziplinen und Couleur. Auf 272 Seiten legte er dar, wie es auch gehen könnte: mit einer völlig neuen Suche, und das unter voller Beteiligung der Bevölkerung.

Ausgehend von einer weißen Landkarte wollten sie schrittweise alle Gegenden herausfiltern, die sich nicht eignen, bis am Ende mindestens zwei übrigblieben. Die sollten dann unter Tage erkundet werden. Sogar ein Votum der Bürger vor Ort wollten die Experten einholen, "bevor die Entscheidung durch den Bundestag unter Beteiligung der Länder für den Endlagerstandort gefällt wird". So viele Veto-Möglichkeiten sollten letztlich helfen, die Bürger an den betroffenen Orten einzubinden. "Bei hinreichender Beteiligung und nach intensiven Diskussionen" werde die Bereitschaft wachsen, argumentierte der Endlager-Arbeitskreis.

Verwirklicht aber wurden die Pläne nie. Der damalige Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stellte zwar einen entsprechenden Gesetzentwurf vor, konnte ihn aber nicht mehr einbringen, weil kurz danach die rot-grüne Bundesregierung abgewählt wurde. Sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) griff die Idee in abgeschwächter Form wieder auf, konnte sich aber gegen den Koalitionspartner Union nicht durchsetzen: Sie hielt an Gorleben fest - auch angesichts der Unruhe, die schon die Spekulationen über mögliche Standorte in Baden-Württemberg und Bayern auslöste.

Stattdessen setzen nun andere die Empfehlungen des deutschen Arbeitskreises um: die Schweizer. Ursprünglich hatten auch sie einmal einen Ort für ein Endlager ohne großes Verfahren ausgewählt, Wellenberg in der Zentralschweiz. Doch Referenden brachten das Projekt zu Fall. Seit 2008 suchen sie nun neu. Zehn Jahre wollen sie sich Zeit lassen, der am besten geeignete Ort soll sich am Ende durchsetzen. Der derzeitige Favorit ist vor allem in der Gegend um Konstanz bestens bekannt, es ist das Örtchen Benken in der Nähe von Zürich. Die Opalinustonschichten unter Benken setzen sich jenseits der Grenze fort; im Gutachten der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften markierte sie seinerzeit ein kleiner grüner Fleck mit recht explosiver Wirkung.

Nur ist die Stimmung in diesem Fall weit besser: Die deutschen Kommunen dürfen mitreden, selbst im Schweizer Verfahren. Sie ließen gleich untersuchen, ob von dem Endlager jenseits der Grenze Gefahren ausgehen. "Das Ergebnis war, dass sich kein Haar in der Suppe finden ließ", sagt Birgit Krüger, eine zuständige Beamte im Landratsamt Konstanz. "Uns wurde dargelegt, dass Opalinuston nicht gleich Opalinuston ist."

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