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Naher Osten:Arabische Ernüchterung

Illustration: Stefan Dimitrov

  • Im Nahen Osten erodiert das Vertrauen in theologische Autoritäten, insbesondere bei der jüngeren Bevölkerung.
  • Auch der politische Islam scheint vielerorts auf dem Rückzug zu sein.

Sie kamen spät, strichen aber die Dividende des Wandels ein: Als Massendemonstrationen 2011 in der arabischen Welt ein autoritäres Regime nach dem anderen ins Wanken brachten, fehlten zunächst jene auf den Straßen, die die Gesellschaft nach dem vermeintlichen Willen Gottes ordnen wollten. Als die Ben Alis, Mubaraks und Gaddafis tatsächlich stürzten, übernahmen sie die Macht jedoch in Teilen, wie die islamistische Ennahda in Tunesien, oder in Gänze wie in Ägypten, wo die Muslimbrüder den ersten frei gewählten Präsidenten stellten. Nicht wenige Experten prophezeiten ein "Jahrzehnt des politischen Islams".

Neun Jahre später schreibt kaum noch jemand der Bewegung die Kraft oder den Einfluss zu, die Region umgestalten zu können. Wieder demonstrieren Hunderttausende, doch weder im Sudan noch in Algerien hört man religiöse Slogans. Im Irak und Libanon skandieren die jungen Menschen sogar, dass sie Politik entlang religiöser Bruchlinien so satthaben wie die Korruption. Und mehrere Großstudien kommen zu dem Ergebnis, dass zwischen Maghreb und Maschrek Ernüchterung eingetreten ist, was die Heilsversprechen jener angeht, die politische Fragen mit dem Slogan "Der Islam ist die Lösung" beantworten.

Vor allem die junge Generation stellt das Dogma infrage, dass die islamische Welt gegen Säkularisierungstendenzen immun sei: Die Arab Youth Survey, für die jährlich 3300 Erwachsene unter 24 Jahren aus 15 arabischen Ländern befragt werden, zeigte 2019 dramatische Verschiebungen: Zwei Drittel sagten, dass Religion zu großen Einfluss habe; vor vier Jahren teilte nur die Hälfte die Aussage. 50 Prozent meinen zudem, dass religiöse Werte die arabische Welt in der Entwicklung hemmten - kein gutes Zeichen für jene, die auf deren Grundlage Politik machen wollen.

Das in Princeton und an der Universität von Michigan beheimatete Arab Barometer kommt zu ähnlichen Ergebnissen, auch bei den älteren unter den 25 000 Befragten aus 14 arabischen Ländern: Das Vertrauen in theologische Autoritäten erodiert. Nur noch 40 Prozent trauen religiösen Führern; 2013 waren es 51 Prozent. Der Zuwachs unter jenen, die sich als "nicht religiös" bezeichnen und so mit einem der größten Tabus der Region brechen, erscheint zunächst gering: Er wuchs laut der Erhebung seit 2013 von acht auf 13 Prozent. Betrachtet man die unter 30-Jährigen jedoch isoliert, ergibt sich ein anderes Bild: Heute sagen fast die Hälfte der jungen Tunesier, ein Drittel der Libyer und immerhin 20 Prozent der Ägypter, dass Religion für sie keine Rolle mehr spiele. Auch in der Türkei, wo Recep Tayyip Erdoğan 2012 noch ankündigte, "eine fromme Generation heranzuziehen", ist eine Abkehr vom Islam zu erkennen: Die Zahl derer, die sich als gläubig einstufen, sinkt, liegt laut Umfragen bei nur noch 51 Prozent.

In der Region bricht noch kein säkulares Zeitalter an, aber sie steht an der Schwelle zu signifikanten Veränderungen in den kommenden Jahren

In Ländern wie Irak, Libanon oder Bahrain mit großem schiitschen Bevölkerungsanteil waren Schiiten proportional unter den Studienteilnehmern vertreten. Im wichtigsten schiitschen Land aber, Iran, sind Umfragen dieser Art unmöglich - weil der politische Islam dort Staatsräson ist. Experten kommen jedoch seit Jahren zu dem Ergebnis, dass sich die Bevölkerung vom religiösen Diktat des Staates entfremdet. Dass sich heute etwa zunehmend junge Frauen trauen, das Verschleierungsgebot infrage zu stellen, mag ein vor allem in der urbanen Elite verbreitetes Phänomen sein. Es ist jedoch ein Hinweis, dass ein "Weiter so" nicht ewig möglich sein wird.

Ein säkulares Zeitalter für den Nahen Osten auszurufen, wäre jedoch verfrüht - auch weil Religion für die jungen Menschen im Alter noch wichtiger werden könnte. Doch Wissenschaftler wie Michael Robbins vom Arab Barometer interpretieren ihre Ergebnisse als "Schwelle hin zu einer signifikanten Verschiebung in den kommenden Jahren". Blickt man auf die Beliebtheit islamistischer Parteien, ist viel ins Rutschen gekommen: Laut dem Arab Barometer unterstützt sie im Schnitt noch jeder Fünfte in der arabischen Welt - 2013 waren es 35 Prozent. Dass die nationalen Ableger der Bewegung sehr unterschiedliche Wege wählten - in Ägypten versuchten die Muslimbrüder, die Macht zu monopolisieren, in Tunesien setzt die Ennahda-Partei auf eine Trennung von Politik und Mission und nennt die CSU als Vorbild, in Marokko wurde aus der Oppositionspartei PJD eine Stütze der Monarchie - macht dabei kaum einen Unterschied.

Doch auch in der geopolitischen Sphäre hat sich im vergangenen Jahrzehnt viel zu Ungunsten des politischen Islams verschoben. Zu dem sich in einer Dauerkrise am Golf zeigenden Schisma zwischen dem sunnitischen und dem schiitischen Block ist ein Bruch im sunnitischen Lager gekommen: Während die Türkei und die Golfmonarchien zu Beginn der Syrienkrise gemeinsame Politik machten und islamistische bis dschihadistische Rebellen förderten, stehen sie sich nun feindlich gegenüber.

Wie Katar, das sich für seine Sonderrolle ein Embargo der anderen Golfstaaten einhandelte, unterstützt Erdoğan Gruppen in der Tradition der Muslimbruderschaft. Die sind in ihrer Zielsetzung nicht unbedingt demokratisch, wollen aber Wahlen zum Machtgewinn nutzen und Republiken im religiösen Sinne umbauen. Die Königs- und Fürstenfamilien in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Erdoğan zudem neo-osmanische Ambitionen unterstellen, sehen in diesen Bewegungen jedoch eine Bedrohung ihrer nicht einmal scheindemokratisch legitimierten Macht. Auch sie räumen dem Islam eine ordnende Rolle in der Gesellschaft ein. Doch anders als die Muslimbrüder, die regieren wollen, um eine gottesgefällige Ordnung durchzusetzen, ist der Glaube für die Golfmonarchien eher ein Mittel, ihre Herrschaft zu stützen.

Zunächst in Ägypten, heute auch in Libyen, den syrischen Kurdengebieten und teils im Palästinakonflikt versuchen beide Seiten, sich auszustechen. Mal mit Diplomatie, mal mit Geld und Waffenlieferungen, teils mit der Entsendung von Söldnern. Anstatt den politischen Islam zu befördern, dämmen sich heute so die bedeutendsten sunnitischen Mächte gegenseitig ein. Ob das zusammen mit dem Wertewandel ein "Jahrzehnt des Säkularismus" einläutet? "Allahu a'lam", sagt eine auch von mäßig Religiösen verwendete arabische Redensart. Gott weiß es am besten.

© SZ vom 13.02.2020/ghe
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