Plagiatsaffäre Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Guttenberg

Karl-Theodor zu Guttenberg hat von Bundespräsident Wulff seine Entlassungsurkunde erhalten - und seine Immunität verloren. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen der Plagiatsvorwürfe. Die Universität Bayreuth wird wohl bestätigen, dass Guttenberg bewusst getäuscht hat. Guttenberg äußerte sich zu seiner politischen Zukunft.

Die Ereignisse zum Nachlesen.

Nach dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg vom Amt des Verteidigungsministers ging alles ganz schnell: Am gestrigen Mittwoch ließ Kanzlerin Angela Merkel über CSU-Chef Horst Seehofer die Nachfolgeregelung verkünden. Der bisherige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wechselt ins Wehrressort, CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich übernimmt das Innenministerium. An diesem Donnerstag erhielten die Politiker in Schloss Bellevue die Entlassungs- und Ernennungsurkunden. Die Ereignisse des Tages zum Nachlesen.

Ministerwechsel

Machtkarussell in Berlin

05:01 Uhr

Vor zwei Tagen hat Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt erklärt, doch auch das schützt ihn nicht vor dem Spott der Netzgemeinde: Schnell verbreitet sich dort die Meldung, Guttenberg habe seinen bedeutungsschweren letzten Satz ("Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht") aus dem Film "Star Trek II: Der Zorn des Khan" übernommen. Ein solcher oder auch nur ähnlicher Satz kommt in dem Film allerdings nicht vor.

06:05 Uhr

Ein Experte spricht in Zusammenhang mit Guttenbergs Plagiatsaffäre von einer neuen Dimension bei politischen Skandalen in Deutschland: "Bislang drehten sich fast alle politischen Skandale um Geld und geldwerte Vorteile, zweites Thema waren das Dritte Reich und Antisemitismus", zitiert die Nachrichtenagentur dpa den Skandalforscher Hans Mathias Kepplinger. "Bei Guttenberg geht es erstmals um die Ehre", erläutert der Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz.

08:03 Uhr

Guttenbergs Rücktritt sorgt weiter für Ärger innerhalb der Union: Jetzt geht CSU-Chef Horst Seehofer die CDU-Politiker Norbert Lammert und Annette Schavan scharf an. Die Äußerungen des Bundestagspräsidenten und der Bildungsministerin seien "völlig unangemessen" gewesen, sagt Seehofer der "Bild". Lammert soll die Affäre vor SPD-Abgeordneten als "Sargnagel" für das Vertrauen in die Demokratie bezeichnet haben, Schavan hatte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, sie "schäme" sich und das "nicht nur heimlich".

09:02 Uhr

Nach mehreren CSU-Politikern spricht sich auch CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe für eine Rückkehr Guttenbergs in die Politik aus: "Jeder, der nach einem Fehler Konsequenzen gezogen hat, hat auch eine zweite Chance verdient", sagt Gröhe der Koblenzer "Rhein-Zeitung". "Wir brauchen Menschen, die mit großer Hingabe Politik für dieses Land machen."

09:44 Uhr

Die Agenda für diesen Donnerstag: Zwei Tage nach Guttenbergs Rücktrittserklärung wechselt Innenminister Thomas de Maizière (CDU) an die Spitze des Verteidigungsministeriums. Sein Nachfolger im Innenressort wird CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Bundespräsident Christian Wulff wird den drei Politikern im Schloss Bellevue um 10 Uhr die Entlassungs- und Ernennungsurkunden übergeben. Anschließend findet im Verteidigungsministerium die Amtsübergabe mit militärischen Ehren statt.

09:58 Uhr

Die Sonne scheint hell durch die hohen Sprossenfenster von Schloss Bellevue. So hell, dass der Herr mit der grauen Krawatte die Hand vor die Augen hält, als er den Hauptstadtjournalisten erklärt, wer von wo kommen und wo auf dem hellen Teppich stehen wird. Hinter den Mikrofonen, vor die gleich Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der alte und der neue Innenminister, der alte und neue Verteidigungsminister treten werden, hängt, an einem schweren Messingfuß, der Bundesadler.

10:02 Uhr

Durch die linke der beiden weißen Flügeltüren tritt die rasch ausgehandelte Neuordnung des Bundeskabinetts, gemeinsam mit Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel: Hans-Peter Friedrich, bislang CSU-Landesgruppenchef und in ein paar Minuten neuer Innenminister, Thomas de Maizière, bisher Innenminister und gleich neuer Verteidigungsminister - und natürlich Karl-Theodor zu Guttenberg, der am Dienstag über die Plagiatsaffäre gestolpert und zurückgetreten ist.

10:03 Uhr

Zuerst überreicht Christian Wulff Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas de Maizière ihre Entlassungsurkunden. Als Wulff Guttenbergs Entlassungsurkunde verliest und dem Ex-Verteidigungsminister "alles erdenklich Gute" wünscht, ringt sich Guttenberg ein Lächeln ab, allerdings nur ein kleines.

10:05 Uhr

"Ich danke Ihnen für Ihren überaus engagierten Einsatz für unser Land" - mit diesen Worten verabschiedet Wulff Karl-Theodor zu Guttenberg. De Maizières Entlassungsurkunde liest sich wesentlich kürzer, er bekommt gleich die Ernennungsurkunde hinterher, bevor er hinter Guttenberg an die Seite tritt.

10:08 Uhr

Dann kriegt noch der neue Innenminister Friedrich seine Urkunde, die Bundeskanzlerin schüttelt allen die Hand, bevor sie noch einmal zum gemeinsamen Gruppenfoto nach vorne treten. Guttenberg hält seine Urkunde fest umklammert, blickt ernst und müde in die Kameras, an die er sich in den vergangenen Jahren so gewöhnt hatte.

10:09 Uhr

Die Bundeskanzlerin, zwischen altem und neuem Innenminister, wirkt entspannt, plaudert mit Friedrich. Dann ist der offizielle Akt, der amtliche Schlusspunkt eines gut zweiwöchigen Skandals, auch schon vorüber. Die Kanzlerin, der Bundespräsident, die zwei neuen und der Ex-Minister verlassen den Saal. Guttenberg geht als Letzter.

10:15 Uhr

In ihrer Kürze und Formalität stehen diese Minuten auf dem sonnenbeschienenen Teppich im Schloss Bellevue im krassen Gegensatz zu den vergangenen Wochen, als sich tagtäglich die Ereignisse überschlugen, es ungezählte Wortmeldungen, Bilder und neue Skandale gab. Ganz leise und geschmeidig hat sich das Räderwerk der Politik hier im Amtssitz des Bundespräsidenten weitergedreht.

10:24 Uhr

Es war ein anderer Guttenberg, der heute seine Entlassungsurkunde entgegennahm: Zwar sitzt die Frisur zu rosa Krawatte und weißem Hemd wie immer perfekt, doch der Verteidigungsminister ist in den letzten Minuten seiner Amtszeit still wie selten. Er sieht Wulff gefasst und ernst an, erst als der bei den Dankesworten anlangt, ringt er sich ein kleines Lächeln ab. Fast scheint er die Blitzlichter der Fotokameras zu meiden.

10:32 Uhr

Der aus dem Amt geschiedene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat nun auch sein Bundestagsmandat niedergelegt. Das Schreiben sei mit Datum vom Donnerstag eingegangen, bestätigte ein Bundestagssprecher. Guttenberg schaltete demnach für die Verzichtserklärung einen Notar ein. Nach Angaben der Bild-Zeitung unterschrieb Guttenberg die Verzichtserklärung in Anwesenheit des Notars am Mittwochabend im Verteidigungsministerium. Mit dem Mandatsverzicht verliert die schwarz-gelbe Koalition einen Sitz im Bundestag, da es für Guttenberg keinen Nachrücker geben wird. Grund dafür ist, dass seine Partei dort bislang über drei Überhangmandate verfügte, die beim Ausscheiden des Mandatsinhabers nicht neu besetzt werden. Union und FDP haben nach Guttenbergs Rückzug aus dem Parlament aber immer noch eine klare Mehrheit von nunmehr 331 der 621 Stimmen. In Guttenbergs Abgeordnetenbüro scheint die Nachricht vom vollständigen Polit-Rückzug noch nicht angekommen zu sein: "Der letzte Stand ist der von Dienstag", sagt ein Mitarbeiter zu sueddeutsche.de.

10:43 Uhr

Kaum hält de Maizière seine Ernennungsurkunde in den Händen, strömen die neuen Herausforderungen schon auf ihn ein. Nach dem Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums fordert SPD-Chef Sigmar Gabriel eine Verschiebung der Bundeswehrreform. Wenn der neue Verteidigungsminister Thomas de Maizière mehr Zeit benötige, würden die Sozialdemokraten dies unterstützen, sagte Gabriel. Die Grünen forderten den neuen Verteidigungsminister auf, den freiwilligen Wehrdienst attraktiver zu machen. FDP-Generalsekretär Christian Lindner merkte an, die Bundeswehrreform sei gut konzipiert, aber noch nicht konkretisiert. Das Wesentliche sei noch zu tun, Guttenbergs Nachfolger stehe viel Arbeit bevor.

11:11 Uhr

Seinen letzten offiziellen bundespolitischen Auftritt hat Karl-Theodor zu Guttenberg noch vor sich. Am kommenden Donnerstag wird er - wie alle Verteidigungsminister - mit einem Großen Zapfenstreich militärisch verabschiedet. Auf seinen Nachfolger Thomas de Maizière wartet in knapp einer Stunde der nächste feierliche Anlass, knapp zwei Kilometer weiter im Süden der Hauptstadt: die offizielle Amtsübergabe im Bendlerblock.

11:38 Uhr

Die Plagiatsaffäre ist für Guttenberg mit dem Rücktritt noch nicht ausgestanden: Die Staatsanwaltschaft Hof wird gegen den zurückgetretenen Verteidigungsministers ein förmliches Ermittlungsverfahren wegen der Plagiatsvorwürfe aufnehmen. "Das wird eingeleitet, da gibt es kein Wenn und kein Aber", sagte Oberstaatsanwalt Reiner Laib. Die Dauer der Ermittlungen seien derzeit schwer vorherzusagen. "Die Vorermittlungen sind natürlich relativ weit fortgeschritten", betonte Laib. Zur Aufnahme des Verfahrens war der schriftliche Verzicht Guttenbergs auf sein Bundestagsmandat und das damit verbundene Ende seiner Immunität notwendig.

11:47 Uhr

Und das juristische Nachspiel im Fall Guttenberg könnte noch weiter gehen. Wie das Hamburger Magazin "Stern" berichtet, wird die Kommission der Universität Bayreuth zur "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" bestätigen, dass Guttenberg beim Verfassen seiner Doktorarbeit getäuscht hat. "Was Guttenberg gemacht hat, ist Täuschung im Sinne dessen, was die Verwaltungsgerichte bislang geurteilt haben", sagte ein Mitglied der Kommission dem "Stern". Oliver Lepsius habe "völlig recht". Der Bayreuther Jurist Lepsius hatte gesagt, die Universität sei "einem Betrüger aufgesessen". In zwei Wochen will die Kommission ihren Abschlussbericht veröffentlichen. Sie gibt dann auch einen Überblick über mögliche straf- und zivilrechtliche Konsequenzen. Bisher liegen bei der Staatsanwaltschaft Hof rund 80 Anzeigen gegen Guttenberg vor, überwiegend wegen möglicher Verstöße gegen das Urheberrecht.

12:00 Uhr

In wenigen Minuten will CSU-Chef Horst Seehofer im Rahmen der Bundespressekonferenz den neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich der Öffentlichkeit vorstellen. Unten im Atrium des Hauses wartet Seehofer noch auf seinen neuen Bundesinnenminister. Hans-Peter Friedrich verspätet sich. Er musste nach seiner Vereidigung im Schloss Bellevue noch ins Ministerium. Endlich stößt er dazu, übersieht beinahe den CSU-Chef, macht dann einen gespielten Diener und grüßt den "Herrn Vorsitzenden". Es kann losgehen.

12:05 Uhr

Horst Seehofer präsentiert Friedrich als "klugen Kopf", "scharfen Denker" und "praktizierenden Franken". Friedrich sitzt daneben, wirkt ein wenig nervös. Unruhig huscht sein Blick von der Tischplatte zu den Journalisten und zurück. Immer wieder ändert er die Position seiner Hände.

12:08 Uhr

Jetzt ergreift der neue Innenminister persönlich das Wort. Mit fester Stimme und leicht fränkischer Sprachfärbung stellt er fest, dass er schon knapp eine Stunde nach der Ernennung zum Minister vor der Presse steht. "Die, die mich kennen, wissen, dass das meinem offenen Umgang mit der Presse entspricht."

12:12 Uhr

Das hätte sich Friedrich am Montag noch nicht träumen lassen, dass er jetzt hier als Bundesinnenminister sitzen würde. Er wirkt noch etwas überrascht, muss aber schon etwas Offizielles sagen zum Anschlag auf US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen. Er kündigt an das "wir in der Bundesregierung in dieser Stunde noch enger zusammenrücken mit unseren amerikanischen Freunden". Eine Anhebung der bundesweiten Sicherheitsstufe hält er nicht für notwendig. Dies gelte nach dem jetzigen Erkenntnisstand der Ermittlungen, in die das Bundeskriminalamt eingebunden sei, sagte Friedrich.

12:16 Uhr

Seehofer kann es nicht lassen. Erneut rügt er den Bundestagspräsidenten und die Bundesforschungsministerin. Norbert Lammert wird unwidersprochen das Zitat zugewiesen, Guttenbergs Verhalten in der Plagiatsaffäre sein ein "Sargnagel für die Demokratie". Annette Schavan sagte der Süddeutschen Zeitung, "ich schäme mich nicht nur heimlich“. Seehofer findet das "nicht in Ordnung". Ihm gehe es um eine "Stilfrage". Dass man "einem Kollegen, der in schwierigen Lage ist, Solidarität zukommen lässt, sollte unbestritten sein". Diese Sache hat wohl noch ein Nachspiel. Und zwar in den "dafür zuständigen Gremien“, droht Seehofer.

12:21 Uhr

Friedrich setzt derweil schon mal eine inhaltliche Duftmarke. Er will die Vorratsdatenspeicherung und wird sich dafür wohl mit der FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auseinandersetzen müssen. Die wird das freuen. Vielleicht findet sie ja in Friedrich den Counterpart, der ihr etwas mehr Profil ermöglicht. Und Friedrich wiederholt seine Kritik an der Aussage von Bundespräsident Christian Wulff, der 2010 in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit gesagt hatte, auch der Islam gehöre zu Deutschland. "Ich habe keinen Grund, meine Auffassung von damals zu verändern", sagt der bisherige CSU-Landesgruppenchef. Die in der Bundesrepublik lebenden Menschen islamischen Glaubens gehörten natürlich zu Deutschland. "Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt."

12:23 Uhr

Während die Bundespressekonferenz mit Innenminister Friedrich noch läuft, steht im Verteidigungsministerium die Amtsübergabe von Karl-Theodor zu Guttenberg an Thomas de Maizière bevor. Vier schwarze Limousinen mit Blaulicht rauschen am Exerzierplatz vorbei. In einer von beiden sitzt wohl Thomas de Maizière, dem hier in kaum einer halben Stunde mit militärischen Ehren das Amt des Bundesverteidigungsministers übergeben wird. Die Soldaten üben noch einmal die zackigen Griffe und Schritte, von den Blicken der Journalisten geschützt. Nur die Tritte der Stiefel und das metallische Klicken der Gewehre hallen herüber.

12:25 Uhr

Unter den Klängen des Musikkorps der Bundeswehr marschiert das Wachbataillon auf den Exerzierplatz: Junge Männer in den Uniformen von Heer, Marine und Luftwaffe, die Gewehre synchron steil in die Luft gereckt. Die Soldaten, die zum Zuschauen gekommen sind, salutieren. Auf den Stufen zum Verteidigungsministerium haben sich inzwischen, in zivil und Uniform, Mitarbeiter des Ministeriums versammelt. Sie wollen dabei sein, wenn ihr neuer Chef seinen Dienst antritt - und der alte verabschiedet wird.

12:26 Uhr

Karl-Theodor zu Guttenberg ist im Bendlerblock eingetroffen. Zum letzten Mal vollführen die Soldaten ihre zackigen Bewegungen zu seinen Ehren. "Präsentiert das Gewehr!" Dann geht der Ex-Minister auf die schnurgerade Linie der Soldaten zu, schüttelt einem die Hand. Er geht zurück über den Platz, blickt auf die Uhr, und schüttelt noch mehr Hände: wohl die der hochrangigeren Mitarbeiter seines ehemaligen Ministeriums. Guttenberg bleibt stehen, spricht mit ihnen, in sicherer Entfernung von den Medien, die eine rote Kordel am Rand des Platzes hält. Im Gespräch mit seinen ehemaligen Mitarbeitern erwartet er die Ankunft seines Nachfolgers de Maizière. Immer mehr Mitarbeiter des Ministeriums kommen nach draußen.

12:30 Uhr

Während Guttenberg wartet, blickt er noch einmal zu den Pressevertretern hinüber. Dann ist es soweit: Der neue Verteidigungsminister de Maizière entsteigt einer Limousine, wird von seinem Vorgänger begrüßt. Gemeinsam betreten sie das rote Podest, das in der Mitte des Exerzierplatzes bereitsteht. Von dort lauschen sie, als das Musikkorps die Nationalhymne anstimmt.

12:35 Uhr

Unter den fröhlichen Klängen der Militärmusik schreiten der neue und der gewesene Verteidigungsminister an der Reihe der Soldaten entlang, bevor sie in einem Bogen zurück zum Podest laufen, und die Ehrenformation vom Platz marschiert.

12:37 Uhr

Unter den Augen seines neuen Dienstherrn und den Klängen der Marschmusik dreht das Wachbataillon noch eine letzte Runde auf dem Exerzierplatz. Für Guttenberg dürfte das ein wehmütiger Vorgeschmack auf den Großen Zapfenstreich sein, mit dem er kommenden Donnerstag von der Bundeswehr verabschiedet wird. Dann steigen de Maizière und Guttenberg von ihrem roten Podest und gehen hinüber zum Ehrenmal, wo sie, unter sanftem Trommelwirbel, gemeinsam einen Kranz niederlegen.

12:41 Uhr

Während die beiden Minister für einige Momente im Inneren des Mahnmals zum stillen Gedenken verschwinden, begleitet sie die getragene Melodie einer Trompete, die traditionell das Stück "Ich habe einen Kameraden" anstimmt. Gemeinsam gehen sie anschließend hinüber zu den hochrangingen Militärs und Spitzen des Ministeriums, wo Guttenberg seinem Nachfolger einem nach den anderen vorstellt und de Maizière eine Hand nach der anderen schüttelt. Dabei scheint es zu einem Versprecher zu kommen, einen Moment lang weht Gelächter über den Platz.

12:46 Uhr

Währenddessen stichelt Seehofer in der Bundespressekonferenz weiter: Es geht wieder um Schavan und Lammert. Das scheint Seehofer besonders zu ärgern. Das sei jetzt "eine Sache zwischen der CDU-Vorsitzenden, der Bundeskanzlerin, und mir".

12:48 Uhr

Seehofer lässt nichts auf Guttenberg kommen. Fast einer Liebeserklärung gleich sagt er, Guttenberg gehöre "fraglos zu den genialsten Köpfen, die wir jemals hatten". Er habe großes Interesse, dass er für die Politik erhalten bleibt.

12:49 Uhr

Im Bendlerblock neigt sich währenddessen die offizielle Amtsübergabe dem Ende zu: Guttenberg und de Maizière gehen ins Verteidigungsministerium, wo bei einem Vieraugengespräch die eigentliche Übergabe der Amtsgeschäfte erfolgen soll. Es liegt eine Menge an für den neuen Minister: Die Bundeswehrreform ist kaum mehr als ein Gerüst, die Umstellung auf die Freiwilligenarmee will organisiert sein, ebenso der langsame Rückzug der Truppen aus Afghanistan, der Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres beginnen soll. Ein allerletztes Mal darf sich Guttenberg hier noch ein wenig als Herr des Hauses fühlen. Wenn er den Gebäudekomplex an der Berliner Stauffenbergstraße verlässt, ist es endgültig vorbei.

13:08 Uhr

Horst Seehofer will Guttenberg einfach nicht gehen lassen. Er hält ihn trotz der Plagiatsaffäre für einen möglichen Nachfolger an der Spitze der CSU. "Ich kann mir alles vorstellen", sagte Seehofer in Berlin auf die Frage, ob es aus seiner Sicht möglich sei, dass Guttenberg nach einer Auszeit sein Nachfolger werden könne.

13:22 Uhr

Noch eine Aussage von Seehofer über Guttenberg, die aufmerken lässt: "Man kann doch nicht im Ernst bestreiten, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in den Funktionen (...) eine gute, in manchen Bereichen sogar historische Arbeit abgeliefert hat", behauptet der CSU-Chef. Wenn er damit Guttenbergs Wehrreform meint, rühmt er eine eigene Niederlage. Denn der Ministerpräsident hatte sich vehement für den Erhalt der Wehrpflicht ausgesprochen - und gegen seinen Parteifreund Guttenberg schließlich zurückziehen müssen.

13:41 Uhr

Der virtuelle Kampf um Guttenberg nimmt immer skurrilere Formen an: Die Facebook-Seite "Wir wollen Guttenberg zurück" hat inzwischen mehr als 508.000 Fans, die Zahl weiterer Pro-Guttenberg- und Anti-Guttenberg-Seiten ist inzwischen unüberschaubar. Eine der neuesten richtet den Zorn der Anhänger des Ex-Ministers gegen Thomas de Maizière. "Gegen den Nachfolger von Guttenberg", so ist die Seite genannt. 26 Nutzer finden sie gut - Tendenz steigend.

14:03 Uhr

Der finale Abschied ihres mutmaßlichen Ex-Lieblingsministers scheint "Bild.de" nicht wichtiger zu sein, als die Todesschüsse auf dem Frankfurter Flughafen. Auf der Webseite ist Guttenberg "nur" noch das Thema "Politik 2". "Mach’s gutt", heisst es, und: "Was wird jetzt aus Guttenberg und seiner Familie?" Den letzten Stand der gefundenen plagiatverdächtigen Stellen in Guttenbergs Dissertation findet man dort kaum. Hier kommt er: Der Internetseite Guttenplag Wiki zufolge wurden auf 324 der 393 inhaltlichen Seiten der Dissertation bislang offensichtlich kopierte Passagen gefunden. Dies entspreche einem Anteil von mehr 82 Prozent, heisst es. Demnach sind "nun 891 Plagiatfragmente aus über 120 verschiedenen Quellen" dokumentiert.

14:07 Uhr

Inzwischen gibt es eine Bestätigung für den "Stern"-Bericht über die Ermittlungen gegen Guttenberg: Die Staatsanwaltschaft Hof sehe den Anfangsverdacht einer Straftat als gegeben an, deshalb solle nun gegen Guttenberg ein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet werden, sagte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage von AFP. Das Verfahren beginne, sobald der Staatsanwaltschaft der Verzicht Guttenbergs auf sein Bundestagsmandat durch die Bundestagsverwaltung oder Guttenbergs Verteidiger bestätigt worden sei - was nicht mehr lange dauern dürfte: Ein Bundesstagssprecher hatte zuvor bestätigt, dass Guttenberg kein Parlamentarier mehr ist.

14:27 Uhr

Guttenbergs Rücktritt bringt die Autoren am Nockherberg in Zeitnot, meldet die Münchner "Abendzeitung" auf ihrer Homepage. Sowohl das traditionelle Singspiel als auch die Fastenpredigt zum Starkbieranstich in drei Wochen müssen umgeschrieben werden. Fastenpredigerin Luise Kinseher, sagte der AZ, KT Guttenberg werde nicht mehr das wichtigste Thema sein, "auch wenn es uns jetzt noch so verkommt". Kinseher verweist auf anstehende politische Großereignisse wie die Wahl in Baden-Württemberg. Und dann sagt sie Sätze, die eingefleischte Fans des Ministers außer Dienst wenig amüsieren dürften: "Guttenberg ist dann weg und auch vergessen", meint die "Derbleckerin" Kinseher. "Aber es gibt ja gottlob noch andere Probleme in Bayern."

14:44 Uhr

Auch nach dem Rücktritt Guttenbergs wird das Verteidigungsministerium von einem Juristen mit Doktortitel geleitet. Der neue Ressortchef de Maizière darf sich bereits seit 25 Jahren als "Dr. jur." bezeichnen. Er promovierte 1986 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine Doktorarbeit trägt den Titel "Die Praxis der informellen Verfahren beim Bundeskartellamt - Darstellung und rechtliche Würdigung eines verborgenen Vorgehens". Dass Thomas de Maizières Dissertation nennenswerte Patzer enthält, scheint undenkbar - der Rheinländer gilt als personifizierte Gründlichkeit.

14:46 Uhr

Nun meldet sich Karl-Theodor zu Guttenberg zu Wort: Der Ex-Minister will der Politik und seiner Partei verbunden bleiben. Mit Blick auf die Aufgabe seiner politischen Ämter teilt Guttenberg in einer persönlichen Erklärung mit: "Oberfranken werde ich aber nicht im Stich lassen. Ebenso wenig meine politische Heimat, die CSU."

14:47 Uhr

Guttenberg erklärt weiter, sein Rückzug umfasse auch den CSU-Bezirksvorsitz. "Gleichzeitig bleibe ich aber fraglos ein politischer Mensch und will meiner Verantwortung für meine oberfränkische Heimat weiter mit den mir gegebenen Kräften nachkommen", teilt Guttenberg mit. Er werde deshalb den Bürgern im Wahlkreis auf eigene Kosten bis 2013 ein Bürgerbüro mit einer Vollzeitkraft zur Verfügung stellen. "Das wird in Kulmbach sein", bekräftigte eine Mitarbeiterin des bisherigen Wahlkreisbüros. Guttenberg will sich zudem auch persönlich für Oberfranken einsetzen.

14:50 Uhr

Den Rücktritt von seinen Ämtern bezeichnet Guttenberg als überaus schmerzlichen, aber gebotenen Entschluss. "Ich habe in den vergangenen zehn Jahren stets Wert darauf gelegt, meine Aufgaben mit dem denkbar höchsten Einsatz wahrzunehmen. (...) Wer allerdings aus bekannten Gründen mit seinem Engagement haushalten muss, kann diesem Anspruch nicht ausreichend gerecht werden und hat demzufolge auch die Verpflichtung, ein Mandat nicht lediglich als Karrieresteigbügel auf Steuerzahlerkosten zu behalten." Und die zusammenkopierte Doktorarbeit? Und die anlaufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hof? Guttenberg scheint dazu bislang noch nicht Stellung nehmen zu wollen.

15:13 Uhr

Indes warten die Ermittler bei der Staatsanwaltschaft Hof noch auf die schriftliche Bestätigung, dass Guttenberg sein Bundestagsmandat niedergelegt hat. "Wir gehen davon aus, dass das im Laufe des Tages bei uns heute eintrifft“, sagte ein Sprecher der Behörde zu sueddeutsche.de. Mit der Bestätigung endet die Immunität, das Ermittlungsverfahren kann dann beginnen. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft kündigte gleichzeitig an, auch die Ergebnisse der an der Uni Bayreuth eingesetzten Untersuchungskommission miteinzubeziehen. Die Ermittler würden "externe Erkenntnisquellen anzapfen“, erklärte der Sprecher das weitere Vorgehen. Kontakt zum Anwalt des Ex-Ministers haben die Ermittler schon gehabt: "Wir haben mit dem Verteidiger von Herrn zu Guttenberg gesprochen." Das sei so Usus.