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Nachbarn:Über den Rhein

Die Historikerin Hélène Miard-Delacroix und der Historiker Andreas Wirsching versuchen sich im deutsch-französischen Dialog. Es bräuchte dabei aber mehr Mut, die blinden Flecken der Geschichte zu beleuchten.

Vor einigen Jahren stellte der französische Historiker Pierre Nora in einem Interview fest, dass der einstige Elan des deutsch-französischen Dialogs längst zum Stillstand gekommen sei: Der Wille zur Abgrenzung nehme in beiden Ländern zu und sei inzwischen stärker geworden als der Wille zur Annäherung, sagte er 2012 - angesichts der seitdem zunehmenden nationalistischen Renaissance diesseits und jenseits des Rheins gilt dies heute wohl um so mehr. Geradezu fatalistisch klingt Noras letzter Satz in dem FAZ-Interview: "Die Wissenschaft verliert den Zugang zum breiteren Publikum, weil ihr eine gewisse Grammatik des Geistes fehlt, die einst von der humanistischen Bildung bereitgestellt wurde." Um so erfreulicher ist jede Initiative, die intellektuellen Beziehungen zwischen zwei Ländern neu zu beleben, die sich ja durchaus viel zu sagen haben; genau dies ist offenbar das Anliegen des kürzlich erschienenen Buches in Form eines Dialogs zwischen einer französischen Historikerin und einem deutschen Historiker, die beide ausgewiesene Kenner des jeweiligen Nachbarlandes sind.

Hélène Miard-Delacroix, Andreas Wirsching: Von Erbfeinden zu guten Nachbarn. Ein deutsch-französischer Dialog. Reclam, Ditzingen 2019. 157 Seiten, 18 Euro.

In zwölf Kapiteln schlagen Hélène Miard-Delacroix und Andreas Wirsching den Bogen von der Vorgeschichte der "Erbfeindschaft" bis in die heutige Zeit: Wichtige Wegmarken dieses von Franzosen und Deutschen oft nur in gegenseitiger Ablehnung, aber immer gemeinsam beschrittenen Weges sind der Krieg von 1870/71, die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und die Frage nach dessen Gründen, die Zwischenkriegszeit mit ihren trügerischen Wiederannäherungen, schließlich der Zweite Weltkrieg mit dem schmerzlichen Thema "Besatzung und Kollaboration", die Umstände des deutsch-französischen Vertrags von 1963 sowie die Langlebigkeit der Doktrinen gaullistischer Europapolitik, die sich noch im großen Umbruch des Herbstes 1989 bemerkbar machen sollten - und schließlich die aktuellen Herausforderungen des "deutsch-französischen Tandems" innerhalb Europas. Die beiden Gesprächspartner erörtern parallele - und bisweilen auch unterschiedliche - Sichtweisen auf die gemeinsame Geschichte beider Länder, in der im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts das Bewusstsein für Gemeinsamkeiten viel zu oft der gegenseitigen Demütigung, dem Bedürfnis nach Rache und Revanche sowie dem Streben nach Dominanz über den jeweiligen Nachbarn gewichen ist.

Der Dialog erweist sich in der Tat als die geeignete Form, diese gemeinsame Geschichte zu beleuchten und das "gemeinsame Denken", das Pierre Nora seinerzeit zwischen Deutschen und Franzosen vermisste, zur Sprache kommen zu lassen - insofern ist dieses Buch wichtig und erhellend: Etwa, wenn beide die Identitätsfrage keinesfalls den "Identitären" überlassen und am Beispiel der Elsässer zeigen, wie schwer es ist, sich als Angehöriger einer Nation zu definieren; oder wenn gemeinsam der Begriff der Nation reflektiert wird und die unterschiedlichen Bedeutungsebenen dieses Begriffs im Deutschen wie im Französischen im Dialog erschlossen werden. Natürlich darf dabei nicht der Rekurs auf Ernest Renans berühmte Rede von 1882 ("Was ist eine Nation?") fehlen; aber wäre dieses Buch nicht eine Gelegenheit gewesen, den holzschnittartigen Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich, den Renan zeichnet, zu relativieren? Nämlich durch den Hinweis darauf, dass Renans Rede eine Art Plagiat ist, stammt sie doch - inklusive der berühmten Idee vom "täglichen Plebiszit" - aus der Feder des deutschen Philosophen Moritz Lazarus, der sie dem Schriftsteller und Wissenschaftler Renan drei Jahre zuvor aus Verehrung geschickt hatte.

Frau an der deutsch-französischen Grenze, 1932

Manchmal mehr als eine Grenze: Eine Frau posiert 1932 vor einem Grenzschild am Rhein zwischen Frankreich und Deutschland.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Oft wird sogar ein und dieselbe Sache in beiden Ländern unterschiedlich wahrgenommen

Wie überhaupt an diesem deutsch-französischen Dialog gerade die Aspekte erhellend sind, an denen sich - wie Andreas Wirsching es an mehreren Stellen vorsichtig ausdrückt - zeigt, "wie unvereinbar die Wahrnehmungen ein und derselben Sache sein können". Dies zeigt sich an der Rolle des Vertrags von Versailles in der deutschen beziehungsweise französischen kollektiven Erinnerung, aber auch daran, was der Vertrag von Locarno diesseits wie jenseits des Rheins bedeutet(e): aus deutscher Sicht nämlich den Anfang einer Entwicklung und aus französischer einen Schlusspunkt. Bisweilen droht aus diesem deutsch-französischen Gespräch auch ein dialogue de sourds zu werden, wenn nämlich der deutsche Historiker - mit Blick auf die bisweilen an vorauseilenden Gehorsam erinnernde französische Kollaboration - angesichts der deutschen Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit seine Gesprächspartnerin fragt, "ob es nicht in Frankreich ein entsprechendes Nachholbedürfnis gibt". Als ob es das von Henry Rousso konstatierte Syndrome de Vichy niemals gegeben hätte, antwortet Hélène Miard-Delacroix: "Um noch einmal auf den Widerstand zurückzukommen ...." Und wenn die französische Historikerin den Deutschen eine Tendenz zur "Selbstviktimisierung" attestiert, möchte man sie gerne etwa an Alain Finkielkrauts "L'identité malheureuse" erinnern.

Dabei ist mit einem solchen Dialog über die gemeinsame Geschichte ihrer beiden Länder die angemessenste Form einer Erinnerungskultur gefunden worden, die ganz bewusst die historischen Ereignisse mit den jeweiligen erinnerungspolitischen Narrativen und den aus ihnen resultierenden Bildern des Nachbarn konfrontiert - und diese zu entzaubern sucht. Natürlich kommen in diesem Kontext auch die zahlreichen Klischees über das Nachbarland zur Sprache: Solche Stereotype dienen, betont Hélène Miard-Delacroix, der Komplexitätsreduktion - aber man erfasst deren Wesen wohl eher, wenn man sie als kaschierte Selbstbilder begreift: Ist nicht die deutsche Rede vom "arroganten Franzosen" Ausdruck des seit dem 18. und vor allem 19. Jahrhundert wachsenden deutschen Ressentiment gegenüber dem kulturell dominierenden Nachbarn? Und dient nicht französischer Spott über "deutsche Autoritätshörigkeit" vor allem dem Selbstbildnis einer Nation, deren Sendung die universale Verbreitung von Freiheitsrechten sei?

Vieles bleibt also eher vage in diesem Dialog, und manches verdient eine Klarstellung: Beispielsweise die Aussagen über Charles de Gaulles Haltung zur deutschen Teilung oder die Bewertung des französischen Pazifismus der Zwischenkriegszeit, der fälschlicherweise als eine Position der politischen Linken dargestellt wird. Aber ein Anfang ist gemacht: Und so ist eine Fortsetzung, ja eine Vertiefung dieser Form eines deutsch-französischen Dialogs zwischen Historikern zu wünschen - mit ebenso viel Engagement, die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern hervorzuheben, und mit noch mehr Mut, die blinden Flecken in dieser gemeinsamen Geschichte zu benennen.

Clemens Klünemann ist Honorarprofessor am Institut für Kulturmanagement der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Soeben erschien von ihm: Sigmaringen. Eine andere deutsch-französische Geschichte (Matthes & Seitz, Berlin).