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Nach Boettichers Rücktritt:Belastendes Wissen

Christian von Boetticher hat wenig Anlass, sich nach seinem Rücktritt weinerlich zum Opfer zu stilisieren. Doch auch seine Partei ist in der Pflicht: Sie muss offenlegen, wer über die pikante Beziehung Boettichers zu einer 16-Jährigen Bescheid wusste. Sonst könnte seine Affäre schnell zur Krise der Partei werden.

Es sollte ganz schnell vorbei sein, am besten schon nach weniger als einer Woche. So haben sich das führende Christdemokraten in Schleswig-Holstein ausgemalt. Kaum war ihr Parteichef Christian von Boetticher zurückgetreten, da präsentierten sie schon den Nachfolger Jost de Jager, den nicht wenige seit langem schon lieber als ihren Frontmann gesehen hätten.

Mit großer Anteilnahme kommentierten sie dazu den bizarr melodramatischen Abgang ihres bisherigen Spitzenkandidaten. Einige gaben sich erschrocken, ganz so, als ob sie zuvor nie von dessen früherer Liebschaft zu einer 16-Jährigen gehört hätten, die ihn für die CDU untragbar machte.

Es gibt starke Anzeichen, dass sich die Geschichte anders zugetragen haben könnte, und das wirft kein schönes Licht auf diese Christen-Partei. Es geht nicht darum, ob der von seinen Parteifreunden erzwungene Abgang des Christian von Boetticher falsch ist. Er selbst hat wenig Anlass, sich jetzt im weinerlichen Ton als Opfer einer Jagd darzustellen. Mancher mag in Liebesdingen tolerant sein, aber mindestens sein dubioser Umgang mit der Liebesaffäre hat ihn für die Führung der Spitzenämter disqualifiziert.

Das aber hilft der CDU in Kiel jetzt überhaupt nicht mehr. Sie muss nun dringend klären, ob tatsächlich wichtige Köpfe schon sehr, sehr lange von der Angelegenheit gewusst haben. Vor allem muss sie offenlegen, ob - und wenn ja, von wem? - in der schleswig-holsteinischen CDU in den letzten Monaten gezielt belastendes Material gegen ihren eigenen Vorsitzenden gesammelt wurde. So lange diese Fragen nicht geklärt sind, wird ihr der Neustart nicht gelingen. Dann wird zwar Boetticher weg sein, die Affäre um ihn aber als Last bleiben.

© SZ vom 22.08.2011
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