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Myanmar:Es brodelt in der versunkenen Stadt

Die Zentralmacht Myanmars steht nicht nur mit Muslimen im Konflikt - auch Buddhisten begehren auf.

Zwei Nagas wachen auf der Kuppe, halb Mensch, halb Kobra. Die mythischen Wesen sind in Sandstein gehauen, ihre goldfarbenen Schuppen schimmern in der Dämmerung. Wer die letzten Stufen zum Tempel Shwe Taung erklimmt, blickt den schlangenförmigen Gestalten direkt in die Augen. Unten in den Tälern wabert der Nebel, wie Inseln ragen die Hügel aus einem weißen Meer. Gleich wird die Sonne aufgehen und die Pagoden auf den Höhen in warmes Licht tauchen.

Morgengrauen in Mrauk U. Ruhe liegt über den Ruinen im Westen Myanmars. Nichts deutet darauf hin, dass es nur 60 Kilometer entfernt Massaker gegeben hat, dass dort Soldaten mordeten und Dörfer verbrannten. Hunderttausende, die zur muslimischen Rohingya-Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Land gehören, flüchteten im Herbst nach Bangladesch. Was sie berichteten, liest sich wie eine schwere Anklage gegen das Militär. Die Gewalt in Rakhine hat die Welt aufgeschreckt, die Vereinten Nationen prangern ethnische Säuberungen an, manche sprechen von Völkermord. Doch die Ruinen von Mrauk U, die den Todeszonen nahe liegen, wirken im Morgenlicht wie eine mystisch-entrückte Welt, die sich menschlichen Abgründen entzieht.

Der Eindruck verweht, sobald man absteigt ins Tal. Es gibt keine Ruhe in Mrauk U, das von Buddhisten bevölkert ist. Wer die Stadt erkundet, merkt bald: Der Blick auf die verfolgten Muslime reicht nicht aus, um den Konflikt im Westen Myanmars zu verstehen. Hier überlagern sich mehrere Fronten. Und das kompliziert eine Lösung erheblich. Denn die buddhistische Mehrheit in Rakhine misstraut nicht nur den Muslimen, sie begehrt auch auf gegen die Zentralregierung, sie will Eigenständigkeit. Das lässt sich in Mrauk U überall spüren. Und das hat mit der Geschichte zu tun.

In diesen Hügeln liegen die Ruinen des versunkenen Reiches Arakan. Seine buddhistischen Könige herrschten über Ländereien, die bis ins heutige Indien reichten. Im Westen kämpften die Arakanesen gegen muslimische Mogulfürsten, im Osten gegen buddhistische Birmanen. Wie der Historiker Jacques Leider schreibt, war Arakan im 17. Jahrhundert "die bestimmende militärische Macht" am östlichen Golf von Bengalen. Doch später erstarkten die Birmanen, sie unterwarfen Mrauk U im Jahr 1785. Für die Arakanesen, auch Rakhine genannt, ist das Datum bedeutend, weil es sie schmerzhaft an verlorene Größe erinnert. Das Gefühl, von anderen Mächten belagert und beherrscht zu werden, wurden die Rakhine nie mehr los.

Nebel über Hügeln und Stupas von Mrauk U bei Sonnenuntergang Burma Myanmar Asien *** Mist over hi

Eine Welt aus Hügeln und Pagoden: Mrauk U in Myanmar. Abseits des Idylls allerdings ist die Region voller politischer Spannungen.

(Foto: imago/imagebroker)

Das Militär hat die Kampfzonen für Ausländer abgeriegelt, doch der Weg zur Königsstadt ist frei. "Mrauk U verkörpert unsere Geschichte. Und ohne Geschichte gibt es keine Nation", sagt der Lehrer Khin Maung Twe, der an einem Sonntag im Tempel betet. Mit "Nation" meint der Buddhist nicht den Staat Myanmar, sondern seine Heimat: Rakhine. Man trifft einige Leute, die das so sehen, der Drang nach Selbstbestimmung ist groß. Von Aung San Suu Kyi, die 2015 Wahlen gewann, sind viele enttäuscht. "Die Zentralregierung fragt uns nie, wie wir unsere Region entwickeln wollen", klagt am Telefon Khin Saw Wai von der Arakan National Party. "Das schürt Unzufriedenheit."

Im Museum in Mrauk U bekommt man eine Vorstellung vom Glanz früherer Epochen. Die Portugiesen trieben hier regen Handel, und ein niederländischer Schiffsarzt hinterließ ein Gemälde, das den König am Hof zeigt. Siri Sudhama Raja, in prunkvolles, mit Juwelen besetztes safranfarbenes Tuch gekleidet, reitet auf einem Elefanten. Museumsdirektor Aung Thun Hla sagt: "Diese Stadt war ein asiatisches Venedig, durchzogen von Kanälen. Wenn der Feind anrückte, fluteten sie die Felder und schwemmten die Angreifer fort."

Vom Palast sind nur Grundmauern übrig. Heute flitzen Eidechsen, die wie kleine grimmige Drachen aussehen, über das Gelände. "Hier ist noch viel auszugraben", sagt Aung Thun Hla, ein eifriger Denkmalschützer, der immer in Bewegung ist und gerade neue Seile spannt, um eine neue Ausgrabungszone abzustecken. Für Mrauk U interessieren sich aber nicht nur Historiker und einige versprengte Touristen. Jedes Jahr halten einheimische Buddhisten das Gedenken an den Fall ihres Imperiums hoch. So sollte es auch am 17. Januar sein, zum 223. Mal. Dann aber kam die Ansage, dass sie sich hier nicht versammeln dürften. Für die Leute klang es, als verbiete ihnen der Staat, sich ihrer Geschichte zu erinnern. Demonstranten zogen zur Distriktverwaltung, bald waren es Tausende. Steine flogen. Dann feuerten die Sicherheitskräfte. Sieben Menschen starben. "Das war Absicht", sagt ein Elektroingenieur, "sie wollen uns einschüchtern." In Angst mischt sich Zorn. Eine Bäckerin ist völlig eingeschüchtert, weil ein Junge aus ihrem Dorf erschossen wurde. Sie weint. "Er hat doch gar nichts verbrochen", sagt sie. "Er war kein Krimineller."

Die Spannungen nehmen zu, am Montag explodierten in Sittwe, der Hauptstadt von Rakhine, drei Bomben; wer sie zündete, ist unklar. Niemand starb, doch alle sind nervös. Manche glauben, dass die Sicherheitskräfte selbst solche Bomben legen, um einen Vorwand zu haben durchzugreifen. Doch gibt es auch eine Rebellentruppe, die "Arakan Army". Sie hat Rache geschworen für die Toten in Mrauk U.

Die AA tötete im Lauf der Jahre mehr Soldaten als die sogenannte Rohingya-Heilsarmee (Arsa), die behauptet, sie kämpfe für das Wohl der muslimischen Minderheit. Während die Welt vor allem die Vertreibungen der Muslime wahrnimmt, nehmen Spannungen zwischen der Zentralregierung und der Ethnie der Rakhine stark zu. Und das wird es noch schwieriger machen, Frieden in Rakhine zu schaffen. Dass soziale Medien so populär sind, trägt wenig zur Aufklärung und viel zur Vernebelung bei. Es mischen sich Fakten und Erfindungen, Hetze und Propaganda machen auf allen Seiten die Runde. Hinzu kommt die Last der Geschichte, von der sehr unterschiedliche Versionen kursieren, je nachdem, mit wem man spricht. Geflüchtete Muslime betonen, dass sie Opfer einer langen Kette von Verfolgungen geworden sind. Sie klagen, dass sie staatenlos sind, in apartheid-ähnlichen Verhältnissen leben und keine Chance haben, als Bürger Myanmars anerkannt zu werden. Einheimische Buddhisten zeichnen ein ganz anderes düsteres Bild. Demnach sind es sie, die Rakhine, die Grund haben, sich zu fürchten. Sie fühlen sich in die Zange genommen: auf der einen Seite bedrängt vom Islam, auf der anderen Seite gegängelt von der Zentralregierung. Den Begriff Rohingya, der in Quellen erstmals 1799 auftaucht, lehnen Buddhisten ab. Sie behaupten, dass Muslime unter dem Banner ein eigenes Gebiet abstecken wollten. Die Rohingya hingegen betonen ihre Schutzlosigkeit, weil Myanmar ihnen die Staatsbürgerschaft verwehre. Mit einer schnellen Rückkehr der Flüchtlinge ist nicht zu rechnen, zumal sich die Spannungen zwischen Myanmar und Bangladesch verschärfen. Dhaka ist alarmiert, weil Soldaten des Nachbarstaats nahe an den Grenzzaun herangerückt sind, wo Flüchtlinge im Niemandsland lagern.

"Wir können hier leben", sagt der Rohingya und blickt sich nervös um. "Nebeneinander."

Ein Ladenbesitzer sitzt im Schatten, er möchte eigentlich nicht über die geflohenen Muslime reden, aber wenn ihm eines wichtig ist, dann das Jahr 1942. "Damals haben Muslime unser Land geraubt", sagt er. Es ist das Jahr, in denen die britischen Kolonialherren sich vor den Japanern zurückzogen und die Muslime als letztes Bollwerk bewaffneten. Buddhistische Rakhine kämpften auf japanischer Seite, so explodierte die Gewalt. "Muslime haben viele buddhistische Landbesitzer getötet und deshalb gibt es heute so viele von ihnen an der Grenze", behauptet der Geschäftsmann, in dem nun Zorn hochsteigt.

135 Ethnien

... leben im Vielvölkerstaat Myanmar. Neben den muslimschen Rohingya stehen vor allem die Völker der Karen und der Chin im Konflikt mit der Zentralmacht, Hunderttausende flohen in die Nachbarländer Thailand und Indien. Auch innerhalb Myanmars sind viele Menschen auf der Flucht: Schätzungen reichen von einer halben bis zwei Millionen Binnenvertriebene.

Aus kolonialen Quellen geht immerhin hervor, dass viele muslimische Einwanderer lange vor dem Zweiten Weltkrieg aus Bengalen kamen, befördert von den Briten, die Arbeitskräfte für die Reisfelder nach Osten schickten. Andere Muslime sind noch viel länger im Land; ihre Vorfahren waren schon im Reich Arakan ansässig, doch dies nachzuweisen, ist für einzelne Familien schwer. Heute klagen Muslime, dass der Staat ihnen nicht erlaube, sich frei zu bewegen und dass es deshalb so eng geworden sei im Norden Rakhines.

Trotz aller Konflikte erinnern sich auch Buddhisten an Phasen des friedlichen Miteinanders. 2012 gab es dann wieder schwere Unruhen, gefolgt von den Exzessen 2017. Das Militär behauptet, sie jagten Rohingya-Terroristen, doch überlebende Muslime in Bangladesch berichten, dass sie wehrlos waren und von Soldaten und einheimischen Buddhisten attackiert worden seien. In Mrauk U wollen die Leute zu solchen Vorwürfen gegen buddhistische Gruppen nichts sagen, einmal hört man immerhin den Hinweis, dass das Land ja ohnehin mal den Rakhine gehört habe. Menschen bengalischer Abstammung gelten vielen als Eindringlinge, die man bestenfalls dulden will. "Wenn die Muslime keinen Ärger machen, hab ich kein Problem", sagt der Ladenbesitzer nahe dem Königspalast. "Aber wir müssen aufpassen, dass es nicht zu viele werden, sie haben so viele Kinder."

Wie schafft man da wieder Frieden? "Zuerst müssten Muslime und Buddhisten wieder Vertrauen aufbauen", sagt ein aufgeschlossener Ingenieur, er ist Buddhist und die Hetze in sozialen Medien empfindet er als gespenstisch. "Einen Ausgleich müssten alle erst einmal wollen."

Nicht alle Muslime sind geflohen. Auf einem Acker in Kyauk Taw sieht man an einem Sonntag ein paar Männer Fußball spielen. Einer kommt gelaufen, als das Auto hält, er heißt Mohammed. Nein, er habe nicht fortlaufen müssen, er könne noch auf seine Felder und Tiere aufpassen. Kämpfe habe es hier 2017 nicht gegeben. Und seine Nachbarn, die Buddhisten, wie steht er zu ihnen? "Wir können hier leben", sagt er. "Nebeneinander". Mehr will er nicht sagen, er blickt sich jetzt nervös um.

Etwas abseits steht ein Junge. "Hey, kleiner Bengale, komm mal her", ruft der Fahrer. "Wie alt bist du?" Doch der Junge sagt nur: "Ich bin ein Rohingya". Und bewegt sich nicht vom Fleck.

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