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Ägypten: Mohamed ElBaradei:Diplomat mit Drang zum Revolutionär

Mohamed ElBaradei legt sich mit Ägyptens Machthaber Mubarak an. Dessen Helfer versuchen, ihn als unislamisch und als Agenten des Auslands zu verunglimpfen. Sogar Fotos seiner Tochter im Bikini wurden veröffentlicht.

Mohamed ElBaradei ist ein mutiger Mann. Der 68 Jahre alte Jurist und Diplomat a. D. hat es nie gescheut, sich mit den Mächtigen anzulegen. Nicht als er sich 2003 als Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) offen gegen die US-Regierung von George W. Bush stellte und deren Begründung für den Irak-Krieg in Zweifel zog.

Seine Bekanntheit und die Aufmerksamkeit der Medien, so hofft Mohamed ElBaradei,  Friedensnobelpreisträger von 2005, könne ihn vor manchen Repressalien schützen, mit denen das Regime lästige Kritiker sonst ruhigstellt.

(Foto: AFP)

Und erst recht nicht, wenn es ihm gelingt, sich an diesem Freitag an den Protesten gegen Ägyptens Präsidenten Hosni Mubarak zu beteiligen, den er kaum verklausuliert zum Rücktritt aufgefordert hat. Am Donnerstagabend kehrte ElBaradei zurück nach Kairo.

Seine Bekanntheit und die Aufmerksamkeit der Medien, so hofft der Friedensnobelpreisträger von 2005, könne ihn vor manchen Repressalien schützen, mit denen das Regime lästige Kritiker sonst ruhigstellt. Schon einmal, im Juni 2010, schreckte die Polizei davor zurück, eine Demonstration aufzulösen, an der er teilgenommen hatte. Als "Katalysator des Wandels" für sein Heimatland Ägypten wolle er wirken, hat ElBaradei gesagt, doch müsse das Volk den Wandel selbst in Gang setzen. Jetzt, wo sein Appell Gehör gefunden hat, wird er nicht zögern, sich an die Spitze der Proteste zu stellen. "Ich werde die Menschen nicht hängenlassen", hat er versprochen.

So kontrolliert und kalkuliert er über das iranische oder das nordkoreanische Atomprogramm sprechen konnte, so emotional wurde ElBaradei schon in seinen Tagen an der Spitze der Wiener Atombehörde, wenn er die politische Verkrustung in der arabischen Welt und deren unterentwickelte Wirtschaft beklagte. Es war ihm anzumerken, wie tief ihn die Perspektivlosigkeit der Menschen bewegte, vor allem der jungen Leute. Seine Augen glänzten, wenn er beim Sprechen darüber immer schneller wurde und seine Hände flehend schüttelte. Er sieht die Misere als Ursache der meisten politischen Probleme im Nahen Osten. Sie zu ändern, ist sein lange gehegter, lange nicht ausgesprochener Lebenstraum.

Daran hinderte ihn eine internationale Karriere, die nach dem Jurastudium in Kairo 1964 im ägyptischen Außenamt begann und ihn über die Mission bei den UN in Genf nach New York führte, wo er 1974 promovierte. Zehn Jahre darauf wechselte er zur IAEA, wo er bis zum Generaldirektor aufstieg und 2010 nach drei Amtszeiten ausschied. Der zurückhaltende Diplomat entwickelte sich zum weltgewandten Staatsmann und erwarb sich exzellente Verbindungen. Heute verleiht ihm seine Laufbahn Glaubwürdigkeit daheim: Er ist unabhängig, gehörte nie zu den Günstlingen des Regimes.

Die ägyptische Regierung hat versucht, ElBaradei als unislamisch und als Agenten des Auslands zu verunglimpfen. Die Kampagne gipfelte darin, dass Fotos von seiner Tochter im Bikini veröffentlicht wurden. Doch hat der gläubige Muslim die unterdrückte, islamistische Muslimbruderschaft als legitime Kraft bezeichnet, die ein Recht habe, sich friedlich am politischen Prozess zu beteiligen. Und seit dem Widerspruch gegen den Irak-Feldzug ist er über Zweifel erhaben, ein Handlanger der USA zu sein. Nun könnte er zur wichtigen Figur dieser umstürzlerischen Phase in Ägypten werden.